Wie können sich unbewaffnete Demonstranten gegen einen übermächtigen fremden Staat wehren, der ihr Land unter Kuratel hält? Die libanesische Antwort: indem sie ihre Regierung stürzen, die dieser fremden Macht dient. Der Proteststurm von mehr als 50000 Menschen, der zu Wochenbeginn das Kabinett in Beirut weggefegt hat, ist in Damaskus als unangenehm scharfe Böe zu spüren gewesen. Syriens Truppen waren vor Jahrzehnten als Vermittler im libanesischen Bürgerkrieg willkommen; heute sind sie in den Augen libanesischer Demonstranten nur noch eine Besatzungsmacht. Die aus dem Amt gedrängte Regierung beliebte das anders zu sehen. Was nicht zwangsläufig zu ihrem Sturz führen musste. Heftige Debatten sind nicht unüblich in diesem freihändlerischen Kleinstaat der arabischen Welt, der bunt gemischter, offener, pluralistischer und deshalb auch etwas demokratischer ist als die meisten anderen.

Doch vor zwei Wochen sind die libanesischen Meinungsverschiedenheiten, die seit 15 Jahren bei Tee mit Minze ausgetragen werden, in einem blutigen Konflikt eskaliert. Eine Bombe auf der eleganten Mittelmeerpromenade von Beirut erschütterte das Vielvölkerland der sunnitischen und schiitischen Araber, der Christen und Drusen. Sie traf Rafiq al-Hariri, den charismatischen Geschäftsmann, ehemals Premier und politischer Gegner des libanesischen Präsidenten Emile Lahoud. Die Steuermänner des Terroranschlags haben auf verschwiemelt-dschihadistische Bekenntnisse verzichtet, weshalb seither munter in alle Richtungen gezeigt wird: Syrien, al-Qaida, lokale Mafiosi? Erkennbar ist nur, dass das Attentat den verletzbaren Libanon aus dem Gleichgewicht geworfen hat und eine Epoche an ihr Ende bringt. Emile Lahoud hatte bis 2004 alles getan, um Hariri ins politische Jenseits zu schieben, doch dessen gewaltsamer Tod bedroht nun den Präsidenten selbst – und seine Gönner, die syrische Armee im Lande.

Ein Christ im Dienst der Diktatoren

Libanon nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990, diese Epoche hat zwei Namen: Rafiq al-Hariri und Emile Lahoud. Hariri hatte als Prototyp des weltläufigen libanesischen Geschäftsmanns Karriere gemacht, bevor er 1992 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Seither trieb er die Öffnung des Libanons voran, den Wiederaufbau, und er beseitigte unmäßige staatliche Belästigungen für Unternehmer. Eine Einheitssteuer von 10 Prozent auf alle Einkommen mehrte den Reichtum im boomenden Nachbürgerkriegsland. Zwar wuchsen auch die Staatsschulden in atemberaubender Geschwindigkeit, doch die Menschen sahen Ergebnisse: Schulen, neue Straßenzüge im zerstörten Beirut, pünktliche Müllabfuhr. Im Libanon war Hariri hoch geschätzt, so wie im Pariser Elysée-Palast und in saudischen Königsgemächern.

Mit dem arabosozialistischen Geheimdienststaat Syrien indes kooperierte Hariri nur so weit wie unbedingt nötig. Damaskus verdächtigte den sunnitischen Araber nicht zu Unrecht, den Libanon mit den Mitteln des Politikers und des Milliardärs von der syrischen Bevormundung befreien zu wollen. Ein Gegengewicht musste her. Der Mann Syriens in Beirut ist ein maronitischer Christ: Emile Lahoud.

Der Armeechef wurde 1998 zum Präsidenten gewählt und befreite Hariri flugs von den Premierswürden. In einer Antikorruptionskampagne verfolgte Lahoud dessen – durchaus angreifbare – Alliierte und Geschäftsfreunde. Aber den Machtkampf entschied er damit nicht. Hariri eroberte in der Wahl 2000 das Ministerpräsidentenamt zurück. Der entscheidende Coup gelang Lahoud erst im September 2004. Er gönnte sich – wider die Verfassung, aber mit Segen des Parlaments – eine Verlängerung seiner Amtszeit um weitere drei Jahre. Die Syrer hatten ihn schon vorher im Stillen dazu ermächtigt. Als Lahoud Premier Hariri zum zweiten Mal entließ, nahmen die Libanesen das mit fast ohnmächtiger Gelassenheit hin. Die syrische Partei in Beirut war auf der Höhe ihrer Macht.

Hariris Tod dagegen hat eine ziemlich wirkungsmächtige Wut erzeugt: auf die Regierung von Damaskus’ Gnaden und auf die syrischen Herren selbst. Auch nach dem Sturz der Regierung zogen die Demonstranten durch Beiruts Straßen und forderten all das, was in Syrien nicht zu haben ist: Demokratie ohne entwertende Vorsilben, Toleranz, Prosperität, freie Wahlen ohne Fernsteuerung. Die Forderungen lasen sich wie das Vermächtnis des ermordeten Premiers. Nicht zufällig hat dessen Schwester Bahija Hariri ihren Machtanspruch im Parlament bereits angemeldet. Ein ehemaliger Minister von Hariri verlangt obendrein die Entlassung sämtlicher Chefs der Sicherheits-, Abwehr- und Geheimdienste. Alle gemeinsam, Oppositionspolitiker und Demonstranten, fordern den Abzug der rund 15000 syrischen Soldaten – Epochendämmerung.

Damaskus’ treuer Knappe im Libanon, Präsident Lahoud, darf nun auf schmalem Grat balancieren. Das erwachte Selbstbewusstsein vieler Libanesen dürfte ihm Gefälligkeiten für Syrien nicht nachsehen. Eine Übergangsregierung wird die Parlamentswahlen im Mai vorbereiten. Heute sieht alles nach einem Wahlsieg der antisyrischen Opposition aus. Wie Syrien dem unklug begegnen könnte? Durch Klammern am Libanon. Klug wäre ein Abzug der syrischen Armee, wie Staatschef Baschar al-Assad ihn bereits andeutet. Denn wer auf jeden Fall bleibt, das ist die prosyrische Partei im Libanon.