suizid Kluge leben länger

Forscher entdeckten einen Zusammenhang zwischen der Intelligenz eines Menschen und seiner Neigung zum Selbstmord

In Deutschland nimmt sich etwa alle 47 Minuten ein Mensch das Leben. Das sind im Jahr zwischen 11000 und 12000 Selbstmorde – wobei die Dunkelziffer von Experten noch viel höher geschätzt wird. In der Gruppe der 15- bis 39-Jährigen ist der Suizid gleich nach dem Unfalltod die zweithäufigste Todesursache.

Bei der Suche nach den Gründen für Selbstmorde stieß ein schwedisch-britisches Forscherteam nun auf einen möglichen Zusammenhang mit der Intelligenz der Selbstmörder. Die Wissenschaftler von der University of Bristol, der Uppsala University und dem Karolinska Institutet in Stockholm stellten fest: Je intelligenter ein Mensch ist, desto geringer scheint sein Bedürfnis zu sein, aus dem Leben zu scheiden (British Medical Journal 2005; 330:167, 22. Januar).

Bei ihrer Studie konzentrierten sich die Forscher allerdings auf Männer – deren Selbstmordverhalten sich deutlich von dem der Frauen unterscheidet. Frauen unternehmen öfter als Männer einen Versuch, sich umzubringen, allerdings häufiger ohne Erfolg – ihre Taten sind oft verzweifelte Hilferufe, während Männer den Vorsatz zum Suizid konsequenter in die Tat umsetzen. Das Verhältnis der Suizidrate von Frauen zu Männern liegt darum bei etwa 1:3.

Schweden bot den Forschern für ihre Untersuchung die besten Voraussetzungen. Jeder junge Mann wird dort mit 18 Jahren zur Musterung für den Militärdienst einberufen. Die Untersuchung, zu der auch ein Intelligenztest gehört, ist durch ein Gesetz für alle männlichen Schweden vorgeschrieben. Der Test besteht aus vier Teilen: Untersucht werden das logische Denken, die sprachlichen Fähigkeiten, das geometrische Abstraktionsvermögen und das technisch-mechanische Denken. Trotz der großen Gruppe alljährlich getesteter Männer sind die Bedingungen überall gleich. Die Psychologen, die den Test durchführen, werden zentral geschult und die Aufgaben sind für das ganze Land standardisiert. Die Daten aus den Registern der Musterungsbehörde von 1968 bis 1994 verglichen die Sozialmediziner für ihre Studie mit dem schwedischen Sterberegister bis zum 31. Dezember 1999 und den Volkszählungsdaten der Erhebungen zwischen 1970 und 2000.

Logisches Denken schützt vor dem Freitod

Insgesamt verfolgten sie das Leben und Sterben von fast einer Million Schweden über einen Zeitraum zwischen fünf und 26 Jahren, wobei die Beobachtung jeweils am Tag der Musterung – also der Bewertung des IQ – begann. »Obwohl wir in unserer Studie nur schwedische Männer berücksichtigen konnten, glaube ich, das Ergebnis wäre für andere Länder ganz ähnlich«, sagt Finn Rasmussen vom Karolinska Institutet und bezieht auch die europäischen Nachbarn mit ein.

Das Ergebnis: Wer sich mit seiner Intelligenz im unteren Drittel der Testergebnisse bewegte, beging mit zwei- bis dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Selbstmord als ein Kandidat, dessen IQ im oberen Drittel lag. Besonders offenkundig scheint der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zum logischen Denken und dem freiwilligen Tod. In diesem Testabschnitt ist die Selbstmordrate des unteren Drittels dreimal so hoch wie im oberen Drittel.

Drogen und Alkohol sind schlecht für Kopf und Leben

Könnte das daran liegen, dass intelligente Menschen besser mit dem Leben zurechtkommen? Einige Zusammenhänge scheinen offensichtlich: Wer intelligent ist, hat den besseren Schulabschluss, bekommt den besseren Job und bewegt sich finanziell in gesicherten Bahnen. Möglicherweise steht dem Intelligenteren aber auch ein größeres Repertoire an Problemlösungsstrategien zur Verfügung – und damit die entsprechenden Instrumente, Lebenskrisen besser zu meistern.

Dafür spricht, dass der stärkste Zusammenhang zwischen dem Abschneiden im IQ-Test bei der Musterung und der Selbstmordrate unmittelbar in den ersten fünf Jahren, also im Alter zwischen 18 und 23, festzustellen war. Dies sind die Jahre, in denen die Weichen für das spätere Leben gestellt werden. Wem es hier nicht gelingt, im Kampf um Arbeit und einen Platz in der Gesellschaft zu bestehen, ist anfälliger für Versagensängste.

Der zeitliche Zusammenhang von schlechtem Testergebnis und Suizidneigung könnte in Ausnahmefällen auch eine andere Ursache haben: eine unerkannte Depression oder Psychose. Beide gelten als Hauptursachen für Selbstmord und könnten das Testergebnis insofern beeinflussen, als die Tagesform der Getesteten bei beiden Krankheiten stark schwanken kann. Schwer zu untersuchen sind weiterhin Faktoren, wie Drogen- oder Alkoholmissbrauch, die sich ebenfalls negativ auf Denkvermögen und Lebenswillen auswirken.

Unabhängig von den Ergebnissen des Musterungstests konnten die schwedisch-britischen Forscher zeigen, dass intelligentere Menschen länger leben – ein Resultat, zu dem zuvor bereits zwei schottische Studien gekommen waren. Die Erkenntnisse veranlassen Finn Rasmussen, über die soziale und gesundheitliche Gefährdung der weniger Intelligenten nachzudenken: »Wir sollten uns überlegen, den Risikofaktor des niedrigen IQ – wie so viele andere auch – in unserem Gesundheits- und Erziehungssystem mit zu berücksichtigen.«

Sollen Schüler mit niedrigem IQ Nachhilfe im (Über-)Leben bekommen? Geht es nach Rasmussen, leben wir vielleicht bald in einer Welt, in der Schlaftabletten nur noch nach IQ-Test verschrieben werden. Oder der Zutritt zu Hochhäusern erst nach einem Intelligenznachweis gewährt wird.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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