vergangenheit Wissenschaftler sind auch nur Opportunisten
Zum Einsteinjahr arbeiten Deutschlands Physiker ihre Vergangenheit auf – mit Unterstützung des amerikanischen Historikers Mark Walker
ZEIT: Sie untersuchen für die Deutsche Physikalische Gesellschaft die Rolle der DPG im »Dritten Reich«. Wie standen die Physiker zu den Nazis?
Walker: Am Anfang des »Dritten Reichs« standen nicht nur die Physiker, sondern auch alle anderen Fachgesellschaften, die der Mathematiker, der Ingenieure und Chemiker, vor der Frage: Was machen wir mit unseren jüdischen Mitgliedern? Die Chemiker und die Ingenieure warfen sie öffentlich und mit Begeisterung raus, sobald sie konnten. Die Mathematiker entledigten sich ihrer jüdischen Mitglieder ebenfalls im ersten Jahr, wenn auch mit großem Bedauern. Aber die Physiker ignorierten die Situation einfach – bis 1938, als sie schließlich gezwungen wurden, die letzten jüdischen Mitglieder auszuschließen. Sie haben sie dann zwar auch rausgeworfen, aber sie taten es so still und respektvoll wie möglich. Das ist ein großer Unterschied zu den Ingenieuren.
ZEIT: Woran liegt das?
Walker: Die Ingenieure waren aus naheliegenden Gründen sehr nützlich für den Staat und standen dadurch stärker unter Druck. Die Physiker wurden länger in Ruhe gelassen, weil sie scheinbar weniger wichtig für die Aufrüstung waren. Erst später erkannte die nationalsozialistische Führung, dass physikalische Grundlagenforschung für den Krieg wichtig sein konnte.
ZEIT: Eine Einsicht, der die Physiker vermutlich nicht widersprochen haben.
Walker: Die meisten Menschen vergessen heute, dass es von September 1939 bis Oktober 1941 so aussah, als könnte Deutschland den Krieg gewinnen. Vor diesem Hintergrund argumentierte der DPG-Präsident Carl Ramsauer, dass die Physik unabdingbar für eine effiziente Rüstungsindustrie sei. Man brauche gute Physiker, um Ingenieure und Chemiker zu unterrichten und um Windkanäle für Raketen und Flugzeuge zu entwickeln. Das werde helfen, den Krieg zu gewinnen. Es war eine politische Kampagne.
DIE ZEIT: In dieser Woche feiern die Physiker in Berlin hundert Jahre Albert Einstein. Aber Einstein war hierzulande keineswegs immer willkommen. Die beiden Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark propagierten damals eine »Deutsche Physik«. Was heißt das, und was bezweckten sie?
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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