Comicbuch Kabbala für Katzen

Joann Sfar erzählt jüdische Geschichte als wundersamen Oriental-Comic

Juden mögen keine Hunde. Das behauptet zumindest eine Katze und vermag das auch noch hervorragend zu belegen: »Ein Hund beißt dich, läuft dir nach und bellt dich an. Und die Juden ließen sich derart lange beißen, verfolgen und anbellen, dass sie letztendlich die Katzen den Hunden vorzogen.«

Ein Tier, das so klug argumentieren kann, macht der französische Comiczeichner Joann Sfar zum Helden seiner Die Katze des Rabbiners- Serie, von der allein in Frankreich über 250000 Exemplare über die Ladentheken gingen. In seiner Heimat wird der 1971 in Nizza geborene Nachfahre nordafrikanischer Juden nicht nur als größtes Talent gefeiert, sondern gilt mit über 90 veröffentlichten Comicalben auch noch als hoch produktiv.

Anzeige

Drei Bände sind bisher von Die Katze des Rabbiners in deutscher Sprache erschienen und zeigen vor allem eins: Sfar ist ein unglaublich sprachbegabter, gewitzter und geistreicher Schriftsteller, der eben auch noch verdammt gut zeichnen kann. Die Geschichten über den Rabbiner einer ungenannten nordafrikanischen Stadt und seine bildhübsche Tochter Zlabya werden aus der Perspektive einer ebenso intelligenten wie durchtriebenen Katze erzählt, die – nachdem sie den Papagei gefressen hat – wie ein Mensch sprechen kann. Sie verwickelt ihren Herrn in unzählige, aberwitzige philosophisch-theologische Dispute, die selbst dem Genre des Comics sonst eher abgeneigten Lesern äußerst erhellende Momente der Lektüre bescheren.

»Mein Meister«, erklärt die Katze zum Beispiel, »findet, dass ich ein schlechtes Tier bin. Dass ich lüge, wenn ich nicht sollte und die Wahrheit nur dann sage, wenn es schmerzt.« Um ihr das Lügen abzugewöhnen, weist der Rabbiner sie in das Studium der Thora ein. Als Folge möchte die Katze nun ihre Bar-Mizwa feiern, was ihren Herrn in eine Krise stürzt. Höhepunkt des ersten Bandes ist der Streit mit dem Rabbiner des Rabbiners, der vorschlägt, die sprechende Katze einfach zu ersäufen. Die setzt sich jedoch äußerst listenreich und unbarmherzig zur Wehr: »Und ich sage dem Rabbiner des Rabbiners, dass ich Gott bin, der die Gestalt einer Katze angenommen hat, um ihn zu prüfen. Ich sage ihm, dass ich ganz und gar nicht mit seinem Verhalten zufrieden bin. Ich sage ihm, dass er mir gegenüber genauso dogmatisch sei, wie es gewisse Christen gegenüber den Juden sind.«

Nachdem der Mann völlig aufgelöst auf Knien um Gnade bettelt, fügt sie, beiläufig ihre Pfote schleckend, hinzu: »Ich sage ihm, dass es ein Witz war, ich nur eine Katze bin und er wieder aufstehen kann.«

Sfar prescht durch die Geschichte in fulminantem Tempo. Der Leser ertappt sich dabei, so eifrig den schlagfertigen Streitgesprächen zu folgen, dass er erst in einem zweiten und dritten Durchgang die Bilder, die von Brigitte Findakly behutsam koloriert wurden, in ihrer vollen Pracht würdigen kann. Sfar ist dabei kein strenger Perfektionist, sondern entfaltet eher seinen besonderen Charme, indem er mühelos zwischen Zeichnungen und Malerei wechselt. Im episodenhafteren zweiten Band verliert dann die Katze zwar die Fähigkeit, wie ein Mensch zu sprechen, bleibt aber – wie auch im nun vorliegenden romanartigen dritten Teil Exodus – ein großartiger Chronist der Geschehnisse. In Zeiten, in denen Popstars wie Madonna ambitionierten Kabbala-Karneval betreiben, ist Die Katze des Rabbiners nichts weniger als eine wahre Erlösung.

Die Katze des RabbinersSachbuchBand 1: Die Bar-Mizwa; Band 2: Malka, der Herr der Löwen; Band 3: Exodus; aus dem Französischen von David Permantier und Barbara HartmannJoann SfarBuchAvant Verlag2004Berlin14,95je 48
 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Literatur | Frankreich | Katzen | Nizza
  • Artikel-Tools präsentiert von:

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Parteivorsitz Linke zerfleischt sich im Führungsstreit
    2. Energiewende Merkel gesteht Versäumnisse beim Netzausbau
    3. IWF-Chefin Lagarde findet harte Worte für die Griechen
    4. Aserbaidschan Schweden gewinnt den Eurovision Song Contest
    5. EM-Testspiel Deutschland verliert 3:5 gegen die Schweiz
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Anzeige
    Service