Im Jahre 1970 veröffentlichte der österreichische Autor Andreas Okopenko seinen Lexikonroman, ein vergnügliches Experiment, dem er die Gebrauchsanweisung voranschickte, die Leser mögen sich aus den von ihm alphabetisch angeordneten Materialien ihre eigene "Sentimentale Reise zum Exporteurtreffen in Druden" zusammenstellen. Die Stichworte, beiläufig von "Achselhöhle" bis "Zukunft des Rotgebrauchs" reichend, waren so vielfältig, dass jeder an ein anderes Ziel kommen mochte, aber der Spaß dabei war ja nicht, pünktlich bei den trefflichen Exporteuren im Städtchen Druden einzutreffen, sondern auf verschlungenen Wegen literarisch dorthin unterwegs zu sein. Okopenkos Roman, witzig, einfallsreich, war zu einer Zeit geschrieben worden, als die Bezeichnung "innovativ" noch als Gütesiegel für avancierte Literatur und nicht im Warenhaus für jene Novitäten verwendet wurde, die in der nächsten Saison als Ramsch verkauft werden müssen. Eine europäische Berühmtheit ist Okopenko mit seinem verwegenen Versuch gleichwohl nicht geworden.

Vierzehn Jahre später, 1984, erschien das Chasarische Wörterbuch, verfasst von dem Belgrader Schriftsteller und Literaturprofessor Milorad Paviƒ, ein Lexikonroman von aberwitziger formaler Komplexität, der ein enormes historisches Wissen ironisch ausbreitet. Alles Wissen und alle Ironie schützten den Verfasser nicht davor, wenig später in einen martialischen Nationalismus einzutauchen, aus dem er erst ein paar Jahre später, tieftraurig über den Gang der Geschichte und seine kurzfristige Verstrickung in die Macht, wieder herausfand. Als großer europäischer Autor war er im Westen durch sein befristetes Engagement für Großserbien allerdings erledigt.

Was Okopenko und Paviƒ versagt blieb, kassiert nun ein junger Ungar ein, ein genialisches Multitalent der neuen Medien, der sich souverän aus dem riesigen Informationsreservoir des Internet zu bedienen, sich aber ebenso als glamouröser Interpret seiner selbst auf der Bühne zu präsentieren weiß. Wer einmal auf die Homepage des 1970 geborenen Péter Zilahy geraten ist, den mag die Sehnsucht nach jenem altväterischen Typus von Schriftsteller überkommen, der wie der kauzige Okopenko oder der melancholische Paviƒ sein Handwerk noch als ein literarisches verstand. Bei Zilahy wird die Literatur zum Vehikel der Performance und die erfolgreich quer durch den Kontinent aufgeführte Performance zur Vorübung in jene Präsentation des Gesamtkunstwerks als CD-ROM, von der es auf der Homepage bombastisch heißt, dass 40 Mitarbeiter zwei Jahre lang damit beschäftigt waren, diese "Pionierarbeit in Literatur und Multimedia" zu gestalten. Das klingt, mit Verlaub, amerikanischer als amerikanisch, und dabei möchte Zilahy mit seiner Pionierarbeit doch die definitive Deutung der Geschichte Mittel- und Osteuropas geben mitsamt seinem eigenen biografischen Anteil daran.

Vergessen wir die CD-ROM, die so viele findige Köpfe beschäftigt hat. Immerhin, es gibt ja auch das Buch dazu, und dieses heißt Die letzte Fenstergiraffe. Ein Revolutionsalphabet ab fünf Jahren. Als Zilahy ein Kind war und der ungarische Sozialismus noch real, wenn auch in der bekannt gemilderten Form, auf die das ungebührlich verharmlosende Bonmot "Archipel Gulasch" gemünzt war, wurden die jungen Ungarn in die Welt des Wissens von einem populären Wörterbuch eingeführt, das Ablak-Zsiráf hieß – was nichts anderes bedeutete, als dass die Welt von ablak, das Fenster, bis zsiráf, die Giraffe, mit vielen hübschen Bildern erklärt wurde. Die Welt, nachdem sie so schulmeisterlich nicht mehr zu fassen ist, spielerisch noch einmal zu erklären ist die Absicht, die Péter Zilahys Buch unbescheiden zugrunde liegt.

Selten erweist sich so drastisch, wie bei Zilahys abenteuerlicher Verbindung von historischen Exkursen, Randglossen zum Zeitgeschehen, persönlichen Notizen, Erinnerungen an die Geister und Gespenster der Kindheit, Reportage, Erfindung, Gedankenspiel, Wörterbuch, dass die Unterscheidung von Sachbuch und Belletristik obsolet geworden ist. So soll noch einmal ein Bild der ganzen Welt erstehen, wenn auch mittels der formal zwingend vermittelten Einsicht, dass dieses Ganze nur mehr in Splittern, Fetzen, Bruchstücken zu haben ist. Diese freilich fügen sich mitunter wundersam zusammen.

Im Winter 1996/1997 gehen in Belgrad Zehntausende auf die Straße, die es Milo∆eviƒ nicht länger ermöglichen möchten, mit der Losung, Serbien zu erretten, dieses in Wahrheit zu zerstören. Der 26-jährige Péter Zilahy eilt aus Budapest hinzu, trifft auf den Demonstrationen viele interessante Leute, darunter auch den geläuterten Milorad Paviƒ. Von den winterlichen Demonstrationszügen aus baut er sich ein Alphabet Osteuropas und seiner eigenen Familiengeschichte, mit Witz, Rasanz, Artistik. Dabei geht es nicht nur sprunghaft durch den ganzen Osten unseres Kontinents, sondern auch historisch rauf und runter.

Von Gavrilo Princip, der mit seinem Attentat auf den österreichischen Thronfolger den Großmächten 1914 die Ausrede zum finalen Krieg des alten Europa gab, ist es nur ein Hüpfer zu Tito und von diesem zu Vuk Dra∆koviƒ, dem dubiosen serbischen Oppositionellen von 1996; vom Hunnensturm auf Europa nur ein leichter Schlenker, und schon sind wir bei Karl May, von Dracula landet man so zwingend wie beliebig bei Lew Trotzkij, und bald ist von einer ominösen "B-Weltachse" zu lesen, die von Babylon bis Brüssel führt und also vier Jahrtausende locker miteinander verbindet. Und weil es zwischen Babylon und Brüssel noch eine Reihe anderer Städte gibt, die mit einem B beginnen, vom bosnischen Banja Luka bis zum slowakischen Banska Bystrica, gar nicht zu reden von Budapest, Bratislava, dem bulgarischen Burgas oder Bayreuth und Bamberg in Bayern, kann die Assoziationsmaschine gewaltig rattern.

Manchmal schlägt daraus ein Funken der Erkenntnis, manchmal nur ein Kalauer. Weltgeschichte und Entwicklungsroman finden sich bisweilen erhellend, oft aber auf eine Weise zusammen, deren Originalität zur Zwangswitzelei gravitiert: "Der beschwerliche Weg meiner sexuellen Reife war vom Ableben kommunistischer Diktatoren begleitet. Mein erstes sexuelles Erleben fiel zusammen mit dem Tod Mao Tse Tungs, ein Mädchen hat mich im Kindergarten gebissen. Als Tito starb, kam ich in den Stimmbruch, meinen ersten Samenerguß hatte ich, als Breschnew von uns ging."

Wenn man die Sache so sieht, kann man die Geschichte Mittel- und Osteuropas allerdings endlich begreifen; der sie uns verstehen lässt, hat mit der alten Technik der literarischen Montage weniger zu tun als mit dem, was DJs treiben, wenn sie allerlei Musikalien zu ihren eigenen Samples verknüpfen.