Ein normaler Montagabend in einem Restaurant in Berlin-Mitte: Die Runde der Freunde ist groß und ausgelassen, man ist erfolgreich, nicht mehr ganz jung, um die vierzig, und feiert den Besuch von Konstantin aus Saarbrücken. Der wollte, dass seine Frau auch mal rauskommt – wo sie doch sonst immer nur mit den Kindern zu Hause sitzt. Jetzt sind sie für eine Nacht in der Hauptstadt. Er selbst ist viel unterwegs, findet Hotelbetten und Frühstücksbüffets eher lästig, aber mit den Bonusmeilen der Lufthansa ist so eine spontane Reise für die beiden kein Problem. Die Freunde am Tisch zeigen sich beeindruckt. Das Beziehungsleben von Konstantin sieht in ihren Augen glücklich aus. Ein Abendessen ohne Kinder sei ja auch mal was Schönes, fällt seinem Stuhlnachbar dazu ein. Seine Frau hätte auch kommen wollen, aber die Kleinen zu Hause hätten leider Grippe, echt blöd.

Niemand bemerkt das große Plakat mit der Hochzeitsgesellschaft, das über ihnen an der Wand hängt. Alle Gäste im Bild tragen die gleichen Berliner Szeneklamotten wie die Leute hier im Lokal, in der Mitte steht die junge Braut, überglücklich und mit einem breiten Strahlen im Gesicht. Dass so ein Tag wichtig für Frauen ist, wusste die Brigitte schon vor fünfzig Jahren und schrieb über "Hochzeit – der glücklichste Tag". Das Ereignis stehe für die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, um ein neues, dem Partner gewidmetes Dasein zu führen. Von nun ab würde aus dem Ich ein Wir!, hieß es damals.

Aber die Zeiten, in denen Frauen sich in der Ehe aufgeben, sind ja vorbei – glauben die meisten. Das meint wohl auch Enie van de Meiklokjes, die man auch schon hier hat sitzen und essen sehen. Die junge Frau mit den pinkfarbenen Haaren moderiert das Arte-Frauenmagazin Lola. Als "selbstbewusst, natürlich, rebellisch, stark, neugierig und sinnlich" beschreibt das Redaktionsteam ihre Zuschauerinnen, und die kecke Moderatorin, obendrein aus dem Osten, vermeldet stolz: "Die Emanzipation ist meiner Meinung nach abgeschlossen, meine Generation ist jetzt der Nutznießer."

Herzlichen Glückwunsch, liebe Meiklokjes-Generation, ruft es spontan aus uns heraus. Die Vorgängergenerationen haben ganze Arbeit geleistet, wir können uns nun entspannt zurücklehnen und ein bisschen nutznießen. Die 35Prozent Frauen, die mit ihren Kindern gänzlich zu Hause bleiben, und die anderen 35Prozent, die nur noch halbe Tage arbeiten, können wir gut und gern ignorieren. Reicht doch völlig aus, wenn 3,7Prozent von all den rebellischen, starken, neugierigen und selbstbewussten deutschen Frauen hierzulande einen Chefsessel erklimmen, wenn jede vierte Frau finanziell unabhängig ist und 1,6Prozent der Männer den Erziehungsurlaub nehmen.

Enie van de Meiklokjes ist leider nur ein prominentes TV-Beispiel für das breite Desinteresse von Frauen an feministischen Themen. In Wahrheit sind nur Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen übrig geblieben. Kaum eine aber will sich heute verdächtigen lassen, mit den Emanzen der Frauenbewegung zu sympathisieren. Deren Gebaren erscheint im Nachklang militant, humorlos, anklagend. Und anstatt zu fragen, warum sich junge deutsche Paare nach absolut traditionellen Rollenmustern verhalten, warum viele Frauen unter vierzig die eigene Unabhängigkeit scheinbar freiwillig und höchst vergnügt aufgeben, erzählen wir uns das Märchen von der erfolgreichen Gleichberechtigung.

Der Mann steht immer noch im Zentrum allen weiblichen Bestrebens

Der Feminismus hierzulande ist in den letzten zehn Jahren zu seiner eigenen, steinernen Erfolgsgeschichte geworden. Nachdem er nach dem Mauerfall aus den aktuellen Diskursen verschwand (vielleicht wurde er von den Ostmädels überrannt) und nurmehr als Relikt aus den Siebzigern zitiert wurde, hat er sich selbst überlebt. Wie das politische Engagement der Achtundsechziger ist er zum Eigentum einer in die Jahre gekommenen Frauengeneration geworden, von denen selbst konserviert und heilig gesprochen, vom Rest der Gesellschaft ignoriert. Nun sieht er aus wie ein ziemlich abgehangener Sommermantel, niemand will ihn mehr tragen. Schaut man sich an, was Frauen jeden Alters heute in Büchern und Zeitschriften lesen, was sie konsumieren, wenn sie ins Kino gehen oder das Fernsehen einschalten, dann nimmt sich das mehr als anachronistisch aus. Man blickt in die bunten Bilder der Frauenmagazine wie in einen großen, leeren Kleiderschrank, in dem nichts hängt außer dem Hochzeitskleid aus den noch glücklichen Fünfzigern und der alte Sommermantel der Emanzipation. Ansonsten gähnt Leere.

"Projekt große Liebe! – Raus aus den alten Mustern! Neue Strategien, um jetzt wirklich den Richtigen zu finden". Das ist nur eine von ziemlich wahllos zusammengesuchten Headlines der Woman, Cosmopolitan, Elle, Glamour, Brigitte, Brigitte Kultur und Young Miss (sieben von 85 deutschen Frauentiteln) aus dem letzten Monat: "Test: Wie lange bin ich noch Single?", "35 heiße Tipps für sexy Nägel", "Dein Horoskop für 2005. Liebe, Glück, Erfolg: Was die Sterne verraten", "Schlupflider & Co. Die zehn schnellsten Schminktricks bei kleinen Schönheitsfehlern", "Test: Wie viel Sexbombe steckt in Ihnen?", "Das Geheimnis der Schönheit. Ein Gespräch mit Fritzi Haberlandt", "Die neue Job-Diät: Wenig Zeit? Immer am Schreibtisch? So nehmen Sie trotzdem ab", "SEX. Das macht ihn an: a) wenn Sie ihm vertrauen, b) wenn er nicht nachdenken muss, c) wenn er kuscheln darf (später)" .