Schön schwachSeite 4/4

Leider müssen an dieser Stelle kurz ein paar Zeilen über Ildikó von Kürthy verloren werden. Sie könnte nämlich unter anderen daran schuld sein. Mehr als fünf Millionen Exemplare hat sie von ihren drei Büchern Mondscheintarif, Freizeichen und Herzsprung bislang vertickt. Keine Ahnung, wie die Stern- Redakteurin das gemacht hat, denn beschwerlich ist der Weg schon bis zum Ende des ersten, Mondscheintarif: Cora Hübsch, 33, Single, sucht ihren Traummann . Sie fühlt sich klein, dick und hässlich. Ihre Freundin Jo, die auf Promipartys verkehrt, ist der einzige weibliche Mensch, mit dem Cora Hübsch redet. Die beste Freundin ist ein dufter Kumpel, alle anderen Weiber potenzielle Konkurrenz, unterbelichtet und geschmacklos. Cora Hübsch kriegt den schönsten Mann der Promifete ab, sie muss ihm nur einmal das Essen überkippen. Gestatten: Dr. med. Daniel Hoffmann. Und zwar weil Cora Hübsch beim ersten Dinner mal nicht ganz so klug daherschwätzt wie sonst, sondern sich beim Nachsingen von Werbeslogans (»Ja, die Yogurette…«) prächtig mit ihrem Traummann in spe amüsiert. Das Moppel-Ich wird hier zu einer nahezu eindrücklichen Lektüre.

Aber zurück zum Thema. Die Zeiten von HartzIV und Umverteilungsdiskussionen sind zu turbulent, als dass erfolgreiche Frauen sich weiter darauf ausruhen könnten, allein durch ihren Erfolg beispielhaft zu wirken. Die Singularität ihrer Biografien lässt Nichtstun noch nicht zu. Im Angesicht von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen werden sich die Chancen der Frauen am Arbeitsmarkt nicht erhöhen, man wird froh über jede sein, die zu Hause bleibt. Es muss um eine Rückgewinnung des weiblichen Bewusstseins gehen, das die Fragen nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung jungen Generationen entsprechend beantwortet. Es ist zu gefährlich, tatenlos anzusehen, wie eine Mädchengeneration nach der anderen, darin ungeschult und ungeübten Verstandes, in erschreckender Zahl an den wichtigen Punkten scheitert. Zwei Drittel ihrer älteren Schwestern entscheiden sich im Moment gegen die Karriere – für Yoga, Wellness, Herd und Kinder. Diese Entscheidung steht nicht am Anfang, sondern am Ende eines Bewusstseinsprozesses, beeinflusst durch GZSZ, Bravo Girl, Glamour, Cosmopolitan, Cora Hübsch, Young Miss, Brigitte, Elle oder wie sie alle heißen mögen.

Viele Texte wie dieser enden mit Appellen an das Gewissen, den Instinkt und die Verantwortung der Gesellschaft. Aber irgendwie machen diese Appelle keinen Spaß mehr, sie sind über die Jahre schal und ein gewichtiges Pfund im Gleichgewichtsspiel der Minoritäten und Majoritäten geworden, deren Kampf um Anerkennung und dessen gleichzeitiger Nischenbestätigung sich bedingen wie schwarz und weiß, gut und böse, wie Yin und Yang. Dieser Text wird nicht so enden, soll nicht aufgehen im gut gemeinten Anwerben von Sympathisanten und Verständnisvollen. Er setzt auf Konfrontation. Und deshalb hört er jetzt einfach auf, unversöhnt.

Jana Hensel, 28, ist Autorin des Buches »Zonenkinder«

 
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