Früh am Morgen, im Niemandsland zwischen dem Schlaf und dem Moment des Aufwachens, bekomme ich oft Besuch von Träumen, an die ich mich später erinnern kann. Der Botschafter aus diesen Träumen steht plötzlich hinter mir. Seine Füße stehen still, und ich sehe ihn nicht, bis er da ist und mit seinen Fingern auf mich zeigt. Was auch immer ich träume, von wem ich auch immer träume, die Botschaft kann nur ich verstehen. Manchmal ist es einfach, die Botschaft zu entziffern, manchmal bin ich voller Zweifel, ob ich sie wirklich verstehe.

In letzter Zeit, mindestens seit fünf Jahren, habe ich viel von der Vernunft geträumt. Ich habe vom gesunden Menschenverstand geträumt. Ich habe von einer Renaissance der Aufklärung geträumt, von einer Wiedergeburt der Vernunft. Die Bilder und die Geschichten in den Träumen sind immer vielfältig, jedes Mal anders. Aber sie sagen mir immer wieder dasselbe. Die Träume enden mit der einen Frage: Was passiert, wenn die Menschen weiterhin den gesunden Menschenverstand ignorieren? Wie lange werden wir auf dem Zweig sitzen können, den wir mit allen Mitteln abzusägen versuchen?

Ich verstehe meine Träume. Sie stellen mir die Fragen, die ich mir auch stelle, wenn ich wach bin. Es lässt sich in wenigen Worten ausdrücken: In diesem frühen 21. Jahrhundert, dieser Zeit der wahnsinnigen, wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Vernunft und Gier, zwischen Solidarität und der kalten Schulter, kann ich nur auf einen Neubeginn hoffen. Die Verantwortung, die wir haben als die einzige Spezies, die ein Bewusstsein vom Tod besitzt und daher den Wert des Lebens versteht – die müssen wir zurückgewinnen. Die Zeit dafür wird immer knapper.

Davon handeln meine Träume. Meistens sehe ich sie schwarzweiß, farblos. Die Dramaturgie und die Gesichter sind immer wieder anders. Sie sind manchmal, auf eine merkwürdige Art, komisch. Vor ein paar Wochen wachte ich auf und wusste sofort: Wenn ich noch ein paar Minuten warte, werde ich mich an einen Traum erinnern.

Ich wartete, und der Traum fiel mir wieder ein. Er vermischte sich mit einer Erinnerung an etwas, was ich einmal in der Realität erlebt hatte. Ich ging an einem Strand entlang, irgendwo in Mosambik. Es war heiß. Ich dachte über irgendetwas nicht sehr Wichtiges nach. Und dann waren da plötzlich ein paar Teenager, die mich am Wasser entlang begleiteten. Wir redeten über nichts oder über alles. Es waren afrikanische Jungen und Mädchen, sie lächelten und waren voller Leben. Und dann fragte mich einer von ihnen: Wenn sich ein Junge und ein Mädchen küssen – wer von beiden soll dann die Augen schließen?

Eigentlich sagte er damit: Die Kunst des Küssens ist kompliziert. Wir müssen lernen, wie es richtig geht.

Ich wusste sofort, dass seine Frage ernst war und er sich nicht etwa über mich lustig machen wollte. Und ich versuchte, eine Antwort zu finden. Was sollte ich sagen? Ich erinnerte mich vage an meinen eigenen ersten Kuss, ein ziemlich fürchterliches Erlebnis. Ich sagte, wenn das Gefühl stimmt, sollte es kein Problem sein, herauszufinden, wer die Augen schließen soll.

Sie gingen. Sie waren mit meiner Antwort nicht zufrieden. Die Frage dieses Jungen hatte mich neugierig gemacht. Ich fragte ein bisschen herum und fand schnell heraus, dass in diesem Teil des Landes sich die Leute nicht küssen. Es gehörte dort einfach nicht zur Sprache der Liebe. Und erst jetzt verstand ich wirklich seine Frage. Wenn man Autofahren lernt, stellt man viele praktische Fragen. Ebenso, wenn man das Küssen lernt.