Schein der Schuld
Eheleute aus Heilbronn sollen einem Gläubiger 245000 Euro zurückzahlen. Die Unterschrift auf dem Wechsel sei nicht von ihnen, behaupten sie
Gerda Luksch steigt die hölzernen Stufen zum Wohnzimmer hinauf. Sie ist eine schwere Frau, ihre Schritte hallen durchs Haus. Neben der Tür stehen zwei Heiligenfiguren, Blattgold auf Holz, Glücksbringer, darunter Christophorus, Beschützer der Autofahrer. Gerda Luksch und ihr Mann Stefan führten bis vor kurzem eine Spedition und ein Busunternehmen, boten Pilgerfahrten nach Lourdes und Fatima an. Frau Luksch saß häufig selbst am Steuer eines Busses. Sie trägt einen roten Pullover, Rock, Hornbrille, äußerlich immer noch Geschäftsfrau – auch nach der Katastrophe, die die Lukschs, wie sie beteuern, schuldlos heimgesucht hat. Gerda Luksch betritt das Wohnzimmer, ohne zu ächzen, 73 Jahre alt, vom Glück verlassen.
Am Tisch sitzt der Schwiegersohn, der zu Besuch ist, um Beistand zu leisten wegen des Unglücks, in das die Familie verstrickt ist. Er ist Religionslehrer. Neben ihm sitzt der Dorfpfarrer, er will den Lukschs ebenfalls beistehen und schüttelt den Kopf über die Prüfungen auf Gottes Erden. Da sitzt auch Stefan Luksch, ein drahtiger kleiner Mann von 81 Jahren, er lässt seine Frau sprechen. Gerda und Stefan Luksch sind verurteilte Betrüger. Sie sollen sich von einem Heilbronner Geschäftsmann 245000 Euro geliehen haben, was sie bestreiten; ein Schuldschein trägt angeblich ihre Unterschriften. Sie weigern sich zu zahlen. Ihnen werde schweres Unrecht angetan, sagt Gerda Luksch: »Ich schwöre, ich habe mir von diesem Mann keinen Pfennig geliehen.« Die Polizei hat ihr Haus durchsucht, Konten geprüft, fand keinen Hinweis auf die große Summe. Lange haben die Eheleute mit sich gerungen, ihr Drama öffentlich zu machen. Sie fürchten um ihren Ruf in Massenbachhausen bei Heilbronn, 3700 Einwohner. Nun haben sie sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen, bevor der angebliche Betrug vom 8. März an am Landgericht Heilbronn neu verhandelt wird – und ein paar Wochen später noch einmal in einem Zivilverfahren am Oberlandesgericht Stuttgart. Bisher weiß fast niemand im Dorf von der Sache, die zweimal Heilbronner Gerichte beschäftigt hat. Gemeinderäte, die man über die Familie befragt, wundern sich und sagen: »Die Lukschs sind doch ehrbare Bürger.«
Es gibt keine Zeugen, und das viele Bargeld hat niemand sonst gesehen
Das Landgericht Heilbronn hat das Ehepaar Luksch im Oktober 2004 in einem Zivilprozess dazu verurteilt, seine angeblichen Schulden zu zahlen. Drei Jahre zuvor wurden Gerda und Stefan Luksch außerdem vom Amtsgericht Heilbronn anhand des Schuldscheins, der offenbar ihre Unterschriften trägt, zu Freiheitsstafen von je einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt – wegen gemeinschaftlich versuchten Betrugs. Der Anwalt der Lukschs hat gegen beide Urteile Berufung eingelegt, gegen das Strafurteil tat dies auch der Staatsanwalt. Dem ist es nicht hart genug.
Die Lukschs beharren jedoch darauf, den Schuldschein nie unterschrieben zu haben. Sie sagen, sie hätten ihren angeblichen Gläubiger kaum gekannt. Die bizarre Geschichte, die sie erzählen, unterscheidet sich in vielen Details von der Geschichte der Gegenseite, und nur eines ist sicher: Eine von beiden Seiten lügt. Es geht um eine große Summe Bargeld, die jener Heilbronner Geschäftsmann in seinem Haus in einer Maschine zur Wurstherstellung aufbewahrt haben will, einer so genannten Wurstspritze – ohne dass jemand davon wusste. Geld, dessen Herkunft er nicht schlüssig erklären kann und das angeblich an einem Februartag 1999 den Besitzer wechselte, ohne Zeugen. Es blieb ein unlinierter DIN-A4-Bogen mit handschriftlichen Zeilen voller Rechtschreibfehler: die Verpflichtung, innerhalb eines Jahres 480000 Mark zurückzuzahlen, mit sechseinhalb Prozent Zinsen.
Die Geschichte, in der sich drei Menschen begegnen und an deren Ende einer von ihnen diesen Schuldschein besitzt, beginnt im November 1998 mit einer Zeitungsanzeige. Das Ehepaar Luksch inseriert den ehemaligen Gasthof Adler in Massenbachhausen zum Verkauf. Die Familie hat ihn acht Jahre zuvor erworben, doch die Vermietung erwies sich als schwierig. Eigentümer sind Stefan Luksch und sein Sohn, der 1997 an einer Hirnblutung starb. Nach seinem Tod schlossen die Eltern die Spedition, später das Busunternehmen. Sie seien damals so wohlhabend gewesen, wie sie heute sind, sagen sie. Sie besäßen mehrere Häuser, die ehemalige Halle der Spedition ist vermietet. Alle Bankkredite seien durch Vermögenswerte gedeckt.
Auf die Zeitungsanzeige meldet sich der Mitarbeiter einer Immobilienfirma aus Heilbronn. Er bietet an, einen Käufer für den ehemaligen Gasthof zu suchen. Ein Maklervertrag wird geschlossen, der Kaufvertrag des Gebäudes zu den Akten gegeben. Einen Monat später stellt sich bei Lukschs der Mann vor, den sie später bei Gericht wiedersehen werden: Herbert Kraus*, der ehemalige Besitzer der Immobilienfirma, die immer noch seinen Namen trägt. Er hat die Firma bis 1996 geführt, aus einem Raum neben der Garage hinter seinem Wohnhaus. 1998 hat er Firmennamen und Büro einem Nachfolger übergeben, mit dem ihn noch ein Beratervertrag verbindet. Kraus hat einen zweifelhaften Ruf in der Branche, traf viele Geschäftspartner vor Gericht wieder. In einem Fall soll Kraus Verträge nachträglich geändert haben, woran er sich heute nicht mehr erinnern will. Der Fall endete mit einem Vergleich.
Gerda Luksch sagt heute, sie habe Kraus wenige Male gesehen. Er habe ihre Wohnung nur einmal betreten, sich später öfter den Schlüssel zum Gasthof geholt, um ihn Interessenten zu zeigen. Kraus sagt, er und Gerda Luksch hätten den Gasthof viele Male gemeinsam vorgeführt, hätten sich gut kennen gelernt. Er sei häufig in der Wohnung gewesen. Frau Luksch habe ihm anvertraut, ihr Sohn habe sich umgebracht und hohe Schulden hinterlassen – weshalb sie nun dringend Geld benötige, um den Enkeln ihr Erbe auszuzahlen. Sie habe ihn gefragt, ob er ihr eine halbe Million Mark leihen könne. Gerda Luksch bestreitet jede Finanznot und jeden Anspruch der Enkel. »Wenn ich Geld brauche, gehe ich zur Bank, da kriege ich es billiger«, sagt sie.
- Datum 03.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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