Was ist weiblich?
Ulrike Brandi
Über Ihre Frage nach dem weiblichen Blick wollte ich gestern in Ruhe nachdenken, ich habe gesagt, liebe Familie, lasst mich mal bitte eine halbe Stunde allein (lacht). Es war natürlich nicht möglich, mit zwei Kindern, an einem Sonntag.
Was sehen Männer, was sehen Frauen in der Welt? Ich habe mich gefragt, ob eine Malerin Picasso auch so viele Stiere gemalt hätte. Meine Vermutung wäre: nein. Sie hätte vermutlich viele unterschiedliche Dinge gemalt. Männer nehmen anders wahr. Eine meiner Mitarbeiterinnen hat untersucht, wie fotografierende Männer und Frauen Akte aufnehmen. Männer zeigen gerne den ganzen Körper, Frauen machen oft nur Andeutungen – durch Ausschnitte von Körpern. Sie eröffnen so ein Feld für die Fantasie.
Der Blick der Frau bezieht alle Sinne mit ein, er ist immer auch ein hörender. Das hat sich vielleicht im Prozess der Evolution so ausgeprägt. Der weibliche Blick sucht beim Mann körperliche Merkmale, aber auch eine Vielzahl von Eigenschaften, wie er redet, sich bewegt. Das ist häufig noch bei Paaren zu sehen, wie er zielgerichtet seine Arbeit verfolgt und sie das soziale Umfeld im Blick behält, die Beziehungen pflegt. Noch in meiner Rolle als Unternehmerin sehe ich mich im Umgang mit meinen Mitarbeitern auch die Feinheiten von persönlichen Problemen berücksichtigen, ich höre die Untertöne der Stimmung, ich setze nicht in direkter Linie auf Erreichen eines Ziels.
Zu Hause bin ich der weibliche Vater, mein Mann ist die männliche Mutter. An einem normalen Tag bin ich elf Stunden nicht zu Hause und in einer normalen Woche ein, zwei Tage auf Reisen, mein Mann ist bei den Kindern. Aber wenn ich über meine Arbeit als typische Lichtplanerin rede, dann benutze ich doch Begriffe, die als weiblich gelten. Auch wenn ich nicht gerne als weibliche Lichtplanerin bezeichnet werde. Aber ich sage dann, dass meine Arbeiten eher zurückhaltend sind, diskret, sensibel, dass es mir um das Spiel von Licht und Material geht.
Ich wollte immer einen technischen Beruf, aber mein ästhetischer Anspruch ist entschieden nicht männlich. Ich will nichts Direktes. Typisch männlich fand ich die Lichtinszenierung zum Gedächtnis an das World Trade Center – Scheinwerfer, die dort, wo die Türme standen, endlos in den Himmel strahlten. Ich hätte eher daran gedacht, den Schatten, den die Türme auf die Stadt geworfen hatten, dort nachzuzeichnen, als auratische Spuren ihrer Existenz.
Wenn ich eine Beleuchtung plane, sehe ich den ganzen Raum vor mir. Ich nehme ihn in mir auf, und dann entsteht, weniger vor meinem geistigen Auge denn als körperliche Empfindung, eine Lichtlandkarte, als Ganzheit. Das ist nicht nur eine Frage des Geschlechtes, sondern auch der Erfahrung. Ich muss nicht mehr einzelne Kategorien abarbeiten. Es geht mir um Abstufungen, ich liebe die Nuancen von weißem Licht, von Kaltweiß über Warmweiß zu Gelbweiß. Das tut übrigens auch der dänische Lichtkünstler Olafur Eliasson, mit dem ich zusammen ein Projekt plane. Die Kategorien weiblich und männlich können in der Kunst aufgehoben werden. Zum Glück!
Ulrike Brandi, geboren 1957, hat 1986 in Hamburg ihr Büro »Ulrike Brandi Licht« gegründet. Zu ihren Planungen gehören die Expo in Hannover, das Museum für Naturgeschichte in Paris, die Whitecity in London und die Nationalbank von Kuala Lumpur mit 350 Bauten
Aufgezeichnet von Susanne Mayer
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.03.2005 Nr.10
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