Seit Sonja Kämpfer Chefin wurde, ist sie allein unter Männern. Mit 28 führte sie ihr erstes Team im Personalbereich eines Konzerns, und nur zwei Jahre später war sie Personalleiterin einer neu gegründeten Tochtergesellschaft mit 1800 Mitarbeitern. "Dass man dafür normalerweise älter ist, habe ich erst später mitgekriegt, bei einem Treffen von Personalleitern unserer Branche. Da saß ich plötzlich zwischen lauter Männern Mitte 40."

Dann geriet sie in den Managerrausch – oder in den "Strudel", wie sie heute sagt: Sie musste die Personalabteilung der neuen Gesellschaft aufbauen. Von Montag früh bis Freitagnacht flog sie von einem der drei Standorte zum nächsten, konzipierte Personalstrategien, entwarf Arbeitsverträge und koordinierte die Einstellung von 250 neuen Mitarbeitern pro Jahr. Ihre Ehe fand am Wochenende statt, und alles andere geriet in Vergessenheit. Ihr Leben war der Job, aber das war ein gutes Gefühl.

Damals fand Sonja Kämpfer zu einem Frauennetzwerk: Zehn erfolgreiche Chefinnen aus der Personalbranche hatten sich zusammengetan, um Fachfragen zu diskutieren. Über die Position in den Unternehmen sollte geredet werden und über Frauenförderung, doch irgendwann kam das Gespräch immer auf die Karriere und was es sonst noch geben könnte im Leben. Ihr Netz war das Gegenstück zum klassischen Männerbund – und ein voller Misserfolg. Nach eineinhalb Jahren löste es sich auf, weil sämtliche zehn Frauen ihren Erfolgsjob geschmissen hatten. Eine arbeitet heute als Lehrerin, eine assistierte zwischenzeitlich bei einer Filmproduktion und kümmert sich jetzt um eine kommunale Kulturinitiative, die Übrigen haben sich als Beraterinnen selbstständig gemacht. Und Sonja Kämpfer hat ein Baby bekommen und Elternzeit beantragt.

Seit von Gleichberechtigung die Rede ist, wird beklagt, dass in Deutschland zu wenig Frauen Führungspositionen innehaben. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin hat es gerade bestätigt, was lange bekannt ist: In der gesamten Wirtschaft herrsche eine "gravierende Unterrepräsentanz" von Frauen im Management, und "in den 87 nach Beschäftigungszahlen größten Unternehmen der Old Economy nahmen Frauen nur ein Prozent der Sitze im Vorstand ein."

Wenn gerätselt wird, wie dieser Mangel zu beheben ist, fällt reflexartig das Stichwort "Chancengleichheit" – wie in einer Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Spitzenverbänden der Wirtschaft aus dem Jahr 2001. Die Frau als Opfer einer männlich dominierten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird um ihre Chancen betrogen: Diese Sicht hat sich in den Köpfen so festgesetzt, dass Männern wie Frauen zum Thema lange Zeit nichts anderes mehr einfiel. Wenn ein Mann zum Chef ernannt wurde, war die Entscheidung, so die gängige Lesart, immer auf der Herrentoilette gefallen. Und wenn eine Frau es nicht nach oben geschafft hatte, gab es immer einen Mann, der sie daran gehindert hatte.

Stimmt das?

"Ich arbeite nicht, um Hierarchiestufen zu erklimmen"