irak Schüsse auf Retter und Befreite

"Checkpoint-Tod" ist im Irak längst zum festen Begriff geworden

Gerade war sie aus den Händen von Terroristen gerettet worden, da hielten US-Soldaten die italienische Journalistin Giuliana Sgrena und ihre Begleiter selbst für welche. An einem Kontrollposten, etwa drei Kilometer vor dem Flughafen von Bagdad, beschossen Soldaten am Freitagabend den Wagen, in dem sich neben Sgrena auch drei Mitarbeiter des italienischen Geheimdienstes befanden. Einer von ihnen, Nicola Calipari, starb, als er sich schützend über Sgrena warf. Ein weiterer erlitt einen Lungenschuss und schwebt noch in Lebensgefahr. Die ZEIT -Mitarbeiterin Sgrena wurde offenbar durch Splitter verletzt.

Das so plötzlich und unnötig ins Unglück gekehrte glückliche Ende der Geiselhaft von Giuliana Sgrena beinhaltet eine grausame Ironie. Mit den Schüssen auf ausgerechnet die Journalistin, die wie vielleicht keine andere immer wieder das Leid der irakischen Bevölkerung schilderte, die immer wieder die entsetzlichen Fehler der „Besatzer“-Truppen anmahnte, ist sie nun selbst zum Sinnbild für jenes Unrecht geworden, das ein Krieg, sei er auch noch so gut gemeint, nun einmal mit sich bringt. Anders als an andere Exzesse wird sich die Welt an diese Schüsse noch lange erinnern. Was, schließlich, lässt sich Unschuldigeres vorstellen als eine gerade befreite Geisel in der Obhut ihrer Retter?

Umso dringender stellt sich jetzt die Frage: Wie konnte das passieren? Noch ist im Detail nicht geklärt, was sich an dem Kontrollposten abspielte. Naheliegend ist jedoch die Erklärung, dass die Italiener Opfer einer Eskalation wurden, die sich in Sekundenschnelle in den Köpfen der amerikanischen Soldaten vollzog. In einer schriftlichen Stellungnahme der multinationalen Truppen im Irak heißt es, die Soldaten am Checkpoint hätten gegen neun Uhr abends (19 Uhr mitteleuropäischer Zeit) das Feuer auf ein Fahrzeug eröffnet, das sich mit hoher Geschwindigkeit dem Posten genähert habe. Die US-Soldaten hätten daraufhin „versucht, den Fahrer zu warnen und zum Anhalten zu bewegen, durch Hand- und Armzeichen, weiße Blinklichter und Warnschüsse vor dem Auto“, heißt es in dem Statement. „Als der Fahrer nicht anhielt, schossen die Soldaten in den Motorblock, was das Fahrzeug zum Anhalten brachte, einen Insassen tötete und zwei weitere verletzte.“

Das US-Militär gab außerdem an, die Soldaten seien nicht darüber informiert gewesen, dass sich die italienischen Geheimdienstleute mit Sgrena auf dem Weg zum Flughafen befanden.

Die US-Soldaten im Irak sind ausdrücklich ermächtigt, Autofahrer notfalls zu erschießen, wenn diese an Kontrollposten nicht anhalten. Denn immer wieder sterben auch Soldaten bei Angriffen von Selbstmordattentätern, die mit Autos oder Lastwagen durch Absperrungen rasen.

Ob im Einzelfall die Unaufmerksamkeit der Wagenführer oder die Nervosität der Soldaten Hauptschuld haben, lässt sich wahrscheinlich kaum je klären. Doch schon häufig kam es an Kontrollpunkten zu tragischen Blutbädern mit vielen unschuldigen Opfern. „Checkpoint-Tote“, sie sind im Irak längst zum festen Begriff geworden.

Einen „unglücklichen Vorfall“ etwa nannte die US-Armee erst am 19. Januar den Tod zweier Männer, auf die Soldaten an einem Kontrollpunkt in der Nähe von Mossul das Feuer eröffnet hatten. Auch ihren Wagen hätten die GI's nach Armeeangaben zunächst mit Handsignalen und Warnschüssen zu stoppen versucht, bevor sie gezielt feuerten. Sechs Kinder, die sich im hinteren Teil des Autos befanden, blieben unverletzt.

Der bisher schlimmste Zwischenfall dieser Art ereignete sich am 31. März 2003 an einem Checkpoint in der Nähe von Nadschaf im Süden des Iraks. Amerikanische Soldaten der 3. Infanterie-Division erschossen damals sieben Frauen und Kinder, weil ihr Kleinbus nicht rechtzeitig angehalten hatte. Und auch damals erklärte ein Armeesprecher, es seien zunächst Handsignale gemacht und Warnschüsse abgegeben worden. Erst als „letztes Mittel“ hätten die Soldaten sodann auf das Wageninnere geschossen. Ein Reporter der Washington Post, der sich an jenem Tag bei der Einheit aufhielt, schilderte das Geschehen allerdings völlig anders. Demnach habe der Kommandant der Einheit zwar den Befehl erteilt, einen Warnschuss abzugeben, dies sei jedoch nicht geschehen. Als sich der Wagen weiter näherte, habe der Kommandant geschrieen: „Stopp ihn, Red 1, stopp ihn!“ Daraufhin habe das Platoon etwa ein halbes Dutzend Schüsse auf das Fahrzeug abgegeben. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen habe, habe der Kommandant seine Leute angebrüllt: „Ihr habt gerade eine Familie getötet, weil ihr nicht früh genug einen Warnschuss abgegeben habt!“

Ein Jahr später, im März 2004, starben zwei irakische Journalisten, die für den Sender al-Arabija arbeiteten, in einem wahren Kugelhagel an einem Checkpoint in Bagdad. Das US-Militär behauptete zunächst, es sei unwahrscheinlich, dass seine Soldaten geschossen hätten. Später räumte es seine Verantwortung ein. Die Soldaten, hieß es, hätten im Rahmen ihrer rules of engagement , ihrer Eingreifregeln, gehandelt.

Auch im Fall der italienischen Journalistin scheint daher Skepsis angebracht gegenüber der standardartigen Stellungnahme, welche die US-Armee herausgegeben hat. Giuliana Sgrenas Lebenspartner sagte bereits, er könne den Soldaten keine Schuld geben. Sie seien vermutlich nur „verängstigte Jungs“ gewesen. Die Verantwortung liege bei jenen, die sie in den Irak geschickt hätten. US-Präsident Bush hat mittlerweile zugesagt, die Schüsse würden genau untersucht. Manch Angehöriger der irakischen Opfer würde sich das sicher auch wünschen.

 
  • Serie sgrena
  • Quelle (c) ZEIT.de, 05.03.2005
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  • Schlagworte Bevölkerung | Terrorismus | Attentat | Opfer
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