Giuliana Sgrena Frei - und dann die Tragödie
In einem Telefongespräch erhebt die heimgekehrte Journalistin schwere Vorwürfe gegen die US-Armee
ZEIT -Mitarbeiterin Giuliana Sgrena ist endlich frei, und doch wurde ihre Befreiung im letzten Augenblick zu einer Tragödie. Denn in Sgrenas Armen starb Nicola Calipari. Er war der italienische Geheimdienstmann, der sie aus den Händen ihrer Entführer befreit hatte. US-Soldaten haben Calipari erschossen, Sgrena und die weiteren drei Insassen des Wagens verletzt.
All dies geschah knapp vor dem Ziel. Es fehlten noch 700 Meter bis zum Bagdader Flughafen, auf dem bereits eine Maschine wartete, um Sgrena nach Hause zu fliegen. “Wir sind langsam gefahren”, sagt Sgrena, “nicht schnell, wie es die Amerikaner behaupten.” Ein Panzerwagen der US-Armee tauchte auf. Wenige Minuten später belegten die US-Soldaten das Auto mit einem wahren Höllenfeuer. “Es regnete Kugeln. Wir wussten gar nicht, woher sie kamen. Sie haben mehrere Minuten geschossen. Das war das Schlimmste von allem, was ich erlebt habe”, sagte Sgrena heute in einem Telefoninterview mit der ZEIT von ihrem Krankenbett aus. Derzeit ist sie in einem römischen Militärkrankenhaus untergebracht, wo sie wahrscheinlich noch einmal an der Schulter operiert wird.
Der Tod Caliparis hat in Italien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Selbst Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, ein zurückhaltender Staatsmann, sagte, dass “alle Italiener das Recht haben, zu wissen, was geschehen ist”. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat sofort nach dem Vorfall den US-Botschafter zu sich zitiert und um Aufklärung gebeten. Die Opposition attackiert die Regierung, und verlangt mit erneuter Vehemenz den Rückzug der italienischen Truppen aus dem Irak. Die US-Regierung ist um Schadensbegrenzung bemüht. Präsident George W. Bush hat sich persönlich bei Berlusconi entschuldigt. Washington spricht von einem bedauerlichen Unfall.
Pier Scolari, der Lebensgefährte von Sgrena, spricht hingegen von einem Hinterhalt. Er glaubt, dass die Amerikaner die Journalistin bewusst töten wollten. Warum, das ließ er vorerst offen. Franco, Sgrenas Vater, sagte ohne Resignation: “Wir werden die Wahrheit nie erfahren.”
Calipari wird wohl als Kollateralschaden in die Geschichte eingehen – einer von inzwischen Zehntausenden.
- Datum
- Serie sgrena
- Quelle (c) ZEIT.de, 05.03.2005
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