Giuliana Sgrena „Es kommen harte Zeiten“

Loris Campetti, Chefredakteure von , schreibt über die lange Zeit des Bangens um Giuliana Sgrena und die Trauer um Nicola Calipari, die folgte

Einen Monat war Giulana Sgrena in den Händen ihrer Entführer. Dieser Monat hat nicht die Welt verändert, aber mit Sicherheit unsere Zeitung Il Manifesto .

Am 4. Februar ging ein Schrei durch unsere Redaktion: “Sie haben Giuliana entführt!” Am 4. März kommt die Nachricht von ihrer Befreiung. Wir durften sie nur eine halbe Stunde lang genießen. Danach erfuhren wir von dem tragischen Ereignis. Giuliana ist jetzt im Krankenhaus. Sie ist an der Schulter und an der Lunge verletzt. Vielleicht wird sie noch einmal operiert werden müssen. Nicola Calipari ist nicht mehr, der Mann der italienischen Geheimdienste, der Giuliana zwei Mal gerettet hat. Er ist umgekommen, in dem, was die Militärs friendly fire nennen. Uns, die wir keine Militärs sind, trifft dieses Wort wie eine Kugel: Wessen Freund?

Es gibt nun viele in Italien, die von Giuliana und von unserer Zeitung Rechenschaft verlangen über das, was auf dieser Straße zwischen Bagdad und dem Flughafen geschehen ist. Was machte Sgrena überhaupt im Irak? Und warum ist sie nicht, wie die anderen, im Hotel geblieben und hat dort die Mitteilungen der Militärs gelesen, so wie es die meisten Kriegsreporter heute tun? Warum ist sie überhaupt hinaus, zu den Flüchtlingen von Falludschah?

Zeitungen, die eindeutig für die Präsenz italienischer Truppen im Irak sind, fragen schon offener: Die Regierung Berlusconi hat Sgrena gerettet, und sie und ihre Zeitung wollen nun mit ihren Behauptungen die Beziehungen zwischen unserer Regierung und Washington kaputtmachen? Es gibt auch jene, die zwischen den Zeilen die politische Entscheidung der Regierung kritisieren, mit Entführern zu verhandeln, anstatt sich mit den Amerikanern über einen Einsatz von Kommandos abzustimmen. Es kommen harte Zeiten auf Giuliana und Il Manifesto zu, keine Frage.

Es bleibt die Erfahrung eines Monats voll schrecklicher und gleichzeitig wundervoller Arbeit unserer kleinen Redaktion. Eine kleine, linke und arme Zeitung wie die unsere, eine Zeitung, die 35 Jahre lang unabhängig überstanden hat, fand sich plötzlich der Aufmerksamkeit der anderen Medien ausgesetzt. Von Nachrichtenüberbringern wurden wir plötzlich zu Nachrichtenproduzenten, von Interviewern zu Interviewten. Dreißig Tage lang haben wir gelernt, unsere Zeitung ab 20 Uhr abends zu machen. Die Angst war in uns, und wir durften sie nicht zeigen, die Tränen standen uns in den Augen, aber wir durften nicht weinen, weil wir eine öffentliche Rolle hatten.

Jeden Tag kamen die Menschen zu Besuch, jeden Tag gab es Solidaritätsbekundungen. Vertreter aller Parteien sind zu uns gekommen, linke wie rechte. Alle haben gesagt: Retten wir Giuliana. Leser sind gekommen, Freunde, Vertreter der muslimischen Gemeinden Italiens, Iraker sind gekommen, Libanesen. Die Katholiken waren bei uns, der Papst hat an die Entführer appelliert, und die Pazifisten aus Assisi haben uns besucht. Auch die Vertreter der Bewegung, die gegen die Entscheidung Berlusconis, Truppen in den Irak zu senden, auf die Straße gegangen sind, sind gekommen. Sie fragten: Und jetzt? Was machen wir jetzt? Können wir jetzt noch den Rückzug der Truppen aus dem Irak fordern, oder würde das den Verhandlungen schaden?

Nein, wir mussten allen zu verstehen geben, wer Giuliana ist. Sie ist eine Zeugin, die von den Opfern des Krieges berichtet. Eine Journalistin, die Partei ergreift, die nur auf einer Seite steht: Auf der Seite der Zivilisten, gegen die Bomben, und gegen die Autobomben.

Und so kam es zwischen Tausenden Initiativen zu der Idee, auf die Straße zu gehen, um die Befreiung aller Entführten zu fordern und auch die Befreiung des irakischen Volkes, das auch ein Gefangener dieses Krieges ist, der Besatzung und des Krieges. 50.000 Menschen sind schließlich nach Rom gekommen. Ohne große Organisation, ohne große Vorbereitung, in wenigen Tagen nur, und alle sind gekommen. Kollegen von Liberation, von DIE ZEIT , die Vertreter aller italienischen Medien, sämtliche Mitte-Links-Parteien sind gekommen, Nonnen waren da, Priester, Imame, Vertreter der Organisation “Juden gegen Besetzung”.


Und das ist nicht genug. Nach der großen Demonstration gab es weitere Initiativen, sit-ins, es gab einen interkonfessionellen Hungerstreik, es gab Fackelzüge, sämtliche italienischen Gemeinden hängten das Bild von Giuliana und den anderen Entführten auf.

In allen diesen schrecklichen, diesen außergewöhnlichen Tagen war Il Manifesto ein offener Ort, eine Agora des Friedens. Jeden Tag informierte uns ein Mann der italienischen Diplomatie darüber, was alles gemacht wurde, um Giuliana zu befreien, ohne Kommandoaktion, ohne Eile, aber mit Optimismus. Ein Mann hat uns geholfen, ein Mann der Geheimdienste, ein Agent, ein Diener des Staates, wie man ihn in einer Sprache zu nennen pflegt, die uns nicht gefällt. Es war Nicola Calipari.

Wir haben mit ihm einen Freund in einer Welt entdeckt, die uns fremd ist. Kaum haben wir ihn kennengelernt, haben wir ihn schon verloren. Dieser Freund hat mindestens die Hälfte zur Befreiung Giulianas beigetragen, die andere Hälfte haben die Italiener vollbracht, die sich geweigert haben, zu Hause zu sitzen und zu schweigen; die Italiener, die auf die Straße gegangen sind.


Dieser Freund, Nicola, hat Giuliana zwei Mal das Leben gerettet. Wir haben bei seinem Begräbnis am Montag geweint, weil mit ihm einer von uns umgebracht worden ist. Unsere Zeitung wird nach diesem Monat nie mehr dieselbe sein.

Loris Campetti ist einer der Chefredakteure von Il Manifesto

Übersetzt von Ulrich Ladurner

 
  • Serie sgrena
  • Quelle (c) ZEIT.de, 08.03.2005
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