Giuliana Sgrena ist nach vierwöchiger Geiselhaft frei, doch einer ihrer Befreier hat den dramatischen Irrtum eines US-Kontrollpostens mit dem Leben bezahlt. Die ZEIT -Mitarbeiterin Sgrena war am Freitagabend im Irak drei Agenten des italienischen Militärgeheimdienstes Sismi übergeben worden. Auf dem Weg zum Flughafen in Bagdad, wo bereits ein aus Rom entsandtes Militärflugzeug auf die Journalistin wartete, telefonierte die 56-Jährige mit Staatssekretär Gianni Letta, der im Amt des Ministerpräsidenten während ihrer Geiselhaft den Krisenstab geleitet hatte. "Vittoria, grazie, grazie", soll Sgrena gesagt haben: "Wir haben gesiegt, danke, danke." Doch während in Rom bei Sgrenas Zeitung Il Manifesto und im Regierungssitz Palazzo Chigi schon gefeiert wurde, griff im Irak ein US-Kontrollposten das Auto mit den vier Italienern an. Die Amerikaner wähnten in dem Wagen irakische Guerillakämpfer und eröffneten sofort das Feuer. Ein Geheimdienst-Offizier, der sich schützend vor Giuliana Sgrena geworfen hatte, starb, seine beiden Kollegen und Giuliana Sgrena erlitten leichte Verletzungen. Der Journalistin wurde in einem Krankenhaus bei örtlicher Betäubung ein Splitter aus der Schulter entfernt. Noch in der Nacht rechne man mit ihrer Rückkehr nach Rom.

Regierungschef Silvio Berlusconi hatte am Freitagabend den amerikanischen Botschafter in Italien zur Klärung des dramatischen Vorfalls in Bagdad einberufen. "Unsere Freude hat sich in tiefen Schmerz verwandelt", sagte Berlusconi zuvor auf einer Pressekonferenz. "Ein Leben ist unbezahlbar." Der erschossene Offizier, der bereits am glücklichen Ausgang der Entführung zweier italienischer Aufbauhelferinnen im September beteiligt gewesen war, hinterlässt zwei Kinder und eine Ehefrau, die im Amt des Ministerpräsidenten arbeitet. Er werde von den USA eine Erklärung verlangen, kündigte Berlusconi an. "Für diesen schrecklichen Irrtum wird jemand die Verantwortung übernehmen müssen."

Giuliana Sgrena war vor genau einem Monat, am 4. Februar, vor dem Universitätsgelände in Bagdad entführt worden, wo sie zuvor Flüchtlinge aus Falludscha interviewt hatte. Seit 1988 arbeitet sie als Redakteurin bei der linken römischen Tageszeitung Il Manifesto , aus dem Irak berichtete sie seit drei Jahren regelmäßig auch für die ZEIT . Ihre Geiselnehmer, nach Erkenntnissen in Rom vermutlich Gefolgsleute des Regimes von Saddam Hussein, hatten vor zwei Wochen einer amerikanischen Nachrichtenagentur ein Video übersandt, in dem Giuliana Sgrena für den Abzug der 3.000 italienischen Soldaten aus dem Irak plädierte. Ein Ultimatum wurde jedoch nicht gestellt.

Am Freitagabend war nicht klar, ob die Geiselnehmer konkrete politische Forderungen gestellt hatten. Der italienische Geheimdienst stand offenbar bereits seit einiger Zeit im Kontakt zu den Entführern. In den letzten Tagen hatten sich Hinweise auf eine bevorstehende Freilassung Sgrenas verdichtet. Am Dienstag hatte der irakische Innenminister erklärt, der Entführten gehe es den Umständen entsprechend gut, und es seien in allernächster Zeit positive Nachrichten zu erwarten.

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira, der als erster die Freilassung der Italienerin verbreitet hatte, zeigte Stunden später ein Videoband, das offenbar kurz vor der Übergabe Sgrenas an die italienischen Agenten gefilmt worden war. Darauf ist die sorgfältig gekleidete und frisierte Journalistin hinter einem mit Früchten beladenen Tisch zu sehen, auf dem auch ein Koran liegt. Sgrena dankt ihren Entführern für die gute Behandlung während der Wochen ihrer Geiselhaft. Die Tatsache, dass das Video offenbar vor der Übergabe vorbereitet wurde, deutet möglicherweise auf eine Lösegeldzahlung hin. Die italienischen Offiziere wurden offenbar erwartet. In der vergangenen Woche hatte die Regierung in Rom nach geheimdienstlichen Hinweisen auf bevorstehende weitere Entführungen die drei letzten italienischen Journalisten aus dem Irak zurückgerufen.

Das Kolosseum in Rom wurde nach Giuliana Sgrenas Freilassung in der Nacht zum Samstag hell erleuchtet. Die Tradition in Rom will es so, wann immer auf der Welt ein Todesurteil ausgesetzt oder aufgehoben wurde. Der römische Bürgermeister Walter Veltroni erklärte, auch die massive Mobilisierung der Öffentlichkeit habe zur Befreiung der Journalistin beigetragen. Für Giuliana Sgrena hatten vor 14 Tagen fast 500.000 Menschen in Rom demonstriert. Täglich gab es im ganzen Land neue Initiativen, in dieser Woche hatten über 300 Italiener aller Religionen mit einem Hungerstreik für Sgrenas Befreiung begonnen.