Die Zahl der Kandidaten für die Nachfolge des Präsidenten der Weltbank, James Wolfensohn, wächst. Gute Chancen könne sich die jüngst geschasste Chefin des Computerkonzerns Hewlett-Packard, Carly Fiorina, ausrechnen, berichtet die "New York Times" unter Berufung auf einen amerikanischen Regierungsvertreter. Aber auch der Name des stellvertretenden Verteidigungsministers Paul Wolfowitz wurde genannt.

Nach Ansicht der "New York Times" ist Fiorina eine "starke Kandidatin". Sie ist die einzige Frau, die bislang auf der Liste der möglichen Nachfolger Wolfensohns geführt wird. Die fünfzig Jahre alte Managerin gehört zu den bekanntesten Wirtschaftspersönlichkeiten in den Vereinigten Staaten. 1999 stieg sie in den Vorstand von Hewlett-Packard auf. Mit der Übernahme des Konkurrenten Compaq wollte Fiorina den Konzern von 2002 an in einen großen integrierten Technologiekonzern verwandeln. Dieser Zusammenschluss gilt in Brachenkreisen jedoch als missglückt. Dennoch wurde Fiorina von dem Magazin "Fortune" mehrfach zur mächtigsten Geschäftsfrau Amerikas gekürt.

Auch Wolfowitz hat starke Fürsprecher. Der stellvertretende Verteidigungsminister ist einer der Architekten des Irakkrieges und intellektueller Vordenker der Neokonservativen in der Regierung von Präsident George W. Bush. Er gilt als effektiver Manager und machte als Botschafter und Staatssekretär im Außenministerium internationale Erfahrungen. Allerdings erwarten Beobachter starken Widerstand aus Europa gegen eine Nominierung von Wolfowitz. Das Verteidigungsministerium dementierte zudem seine Kandidatur. "Wir haben den Minister gebeten, seinen extrem wichtigen Job weiterhin auszuüben – eine Arbeit, die ihm sehr viel Freude macht", sagte eine Sprecherin des Ministeriums. In der Regierung gibt es für Wolfowitz jedoch kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Ein Wechsel zur Weltbank wäre daher eine elegante Lösung. Dagegen spricht, dass Wolfowitz wie Fiorina bisher wenig Erfahrung in der Entwicklungspolitik vorweisen kann. Fiorina war Mitglied in einem Beraterstab des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, Wolfowitz kann sich auf seine Zeit im Außenministerium berufen.

Das Vorschlagsrecht für die Besetzung des Präsidentenpostens der Weltbank liegt traditionell bei den Vereinigten Staaten. Sie sind der größte Anteilseigner der Organisation. Die Europäer besetzen dafür das entsprechende Amt beim Internationalen Währungsfonds. Die Amtszeit von Wolfensohn läuft im Juni aus. Neben Fiorina und Wolfowitz wurden bislang der frühere Chef des Pharmaunternehmens Eli Lilly, Randall Tobias, der derzeitige Handelsbeauftragte der amerikanischen Regierung, Robert Zoellick, sowie der für internationale Angelegenheiten zuständige Finanzstaatssekretär John Taylor genannt.

Mit Wolfensohn verlässt ein erfolgreicher, aber auch umstrittener Präsident die Weltbank. Zwar lobte der amerikanische Finanzminister John Snow den 71jährigen als einen "herausragenden Führer der Weltbank". Doch das Verhältnis zwischen Wolfensohn und Präsident Bush gilt seit einiger Zeit als gespannt. Unter anderem hatte Wolfensohn Kritik an der Irakpolitik der amerikanischen Regierung geäußert. Der gebürtige Australier war 1995 von damaligen Präsidenten Bill Clinton zum Präsidenten der Weltbank gekürt worden. Seither rückte er die Verringerung der Armut als wichtigste Aufgabe der Weltbank in den Mittelpunkt. Unermüdlich forderte er die reichen Geberländer auf, mehr Entwicklungshilfe zu zahlen, die Hilfen effizienter zu organisieren und Handelsschranken abzubauen. 1996 rief Wolfensohn die Entschuldungsinitiative zu Gunsten der ärmsten Entwicklungsländer ins Leben. Nehmerländern und Nichtregierungsorganisationen räumte er mehr Mitspracherechte bei der Vergabe der jährlich rund 20 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfekrediten ein. Beobachter erwarten deshalb, dass die Gruppe der Entwicklungsländer auch bei der Besetzung des Präsidentenpostens mitreden will. Wie sich dies auf die Kandidaturen von Fiorina und Wolfowitz auswirken wird, ist noch undeutlich.