DIE ZEIT: Können Sie, wollen Sie sprechen?

Giuliana Sgrena: Körperlich geht es mir schon besser. Wegen der Umstände meiner Befreiung bin ich allerdings sehr deprimiert. Es ist tragisch. In dem Moment, in dem ich mich frei fühle, stirbt der Mensch, der mich befreit hat. Er stirbt in meinen Armen, weil er sich schützend über mich wirft. Der Schmerz darüber zerreißt mich. Das werde ich nie vergessen. Der Schmerz über den Tod Nicola Caliparis überschattet alles. Auch alles, was ich während meiner Entführung erlitten habe.

ZEIT: Nicola Calipari hatte Sie eben erst in Bagdad am vereinbarten Übergabeort in Empfang genommen…

Sgrena: Ich habe ihn praktisch nur eine halbe Stunde lang gekannt. Als mich meine Entführer kurz vor der Übergabe mit verbundenen Augen in dem Auto sitzen ließen, empfand ich schreckliche Angst. Sie haben mich mit den Worten ausgesetzt: "Zehn Minuten. Dann kommen sie dich holen." Dann waren sie weg. Ich begann die Sekunden zu zählen. Es schien mir eine Ewigkeit zu dauern. Ich wusste ja, dass der Moment der Übergabe der gefährlichste war. Ich saß da. Ich sah nichts. Ich hörte Autos. Ich hörte einen Hubschrauber. Ich hörte Sirenen. Alles, was man normalerweise in Bagdad hört. Aber ich konnte nichts sehen.

Ich war in Panik. Plötzlich hörte ich, wie die Tür aufging, und dann eine Stimme: "Giuliana! Giuliana! Ich bin es, Nicola! Du bist frei! Mach dir keine Sorgen, du bist frei! Komm mit mir. Mach dir keine Sorgen! Du bist sicher! Wir können gehen, komm, komm." Er half mir aus dem Wagen und brachte mich in ein anderes Auto.

Nicola war so direkt, so schlicht, so einfach. Ich habe ihn nie vorher getroffen. Und da war er – wie ein Freund, ein langjähriger Freund, der dir Sicherheit vermittelt, auch noch in den schlimmsten Momenten deines Lebens. Es war ein wunderschönes Gefühl.

"Ich setze mich neben dich, da fühlst du dich sicherer!", sagte er. Er hat mir von meiner Familie erzählt, von meiner Zeitung, von meinem Mann. Er hatte mit ihnen allen Kontakt. Er hat mir alle Angst genommen. Er war so herzlich! Danach ist er gestorben, um mir das Leben zu retten.