Fast 16 Millionen Menschen sind arbeitslos, knapp ein Drittel aller Erwerbsfähigen des Landes. Mehr als 5.000 Banken haben wegen Zahlungsunfähigkeit ihre Schalter schließen müssen, zigtausend große und kleine Ersparnisse sind im Nichts verschwunden. In den Großstädten bilden sich vor den Suppenküchen lange Schlangen hungriger Menschen, die hunger lines. Noch verheerender sieht es auf dem Land aus, wo Trockenheit und Sandstürme die Not verschärft haben. Immer mehr Farmen liegen brach, ihre Besitzer oder Pächter haben sich zu Abertausenden auf den Weg nach Westen gemacht, ins Gelobte Land Kalifornien oder in die großen Städte, wo sie indes nur die Neue Welt jener Hoffnungslosigkeit erwartet, die John Steinbeck in seinen Romanen und Novellen über die Zeit der großen Depression so meisterhaft beschworen hat.

Depression. Der Ausdruck meint weit mehr als eine Wirtschaftskrise, als eine Arbeitslosenstatistik oder jene ins Bodenlose stürzenden Aktienkurse, die im Oktober 1929 die ganze Weltwirtschaft mit sich gerissen haben. Er charakterisiert den Gemütszustand eines Volkes, dessen Credo seit jeher grenzenloser Optimismus gewesen ist, Vertrauen auf die Kraft des Einzelnen und die Zuversicht auf ein verheißungsvolles Morgen. Dem Amerika des Jahres 1932 ist der Glaube an bessere Zeiten entschwunden. Galgenhumoristisch verknüpft man den Namen des fernen Mannes im Weißen Haus, Herbert Hoover, mit allen möglichen Facetten des Elends. Eine Hoover blanket ist keine Decke im herkömmlichen Sinn, sondern das Zeitungspapier, mit dem sich Obdachlose unter den Brücken des Nachts zudecken. Die Hoover flag ist die nach außen gekrempelte Hosentasche, Sinnbild verzweifelter Armut. Hoover wagon heißt ein Auto, dem schon lange das Benzin ausgegangen ist und das von einem Pferd oder Maultier gezogen wird. Unübersehbar sind die Hoovervilles, mancherorts schier endlose Konglomerate aus Wellblech oder Pappe, trübe Heimstatt der Entwurzelten, im Elend Gestrandeten.

Immer neue Behörden und Ämter sprießen aus dem Boden

Doch der Spott auf Kosten Hoovers klingt ein bisschen ungerecht. Der 31. Präsident der USA war weder ein rücksichtsloser noch ein unfähiger Staatschef. Keineswegs sah er tatenlos zu, sondern initiierte in den vier Jahren seiner Amtszeit mehr öffentliche Beschäftigungsprogramme als alle seine Vorgänger im 20. Jahrhundert zusammengenommen. So entstanden die San Francisco Bay Bridge und vor allem der Hoover-Staudamm in Arizona. Doch ein wirklich spürbarer Effekt blieb aus. Der Republikaner Hoover war ein Präsident ohne hinreichende Energie und, fataler noch, ohne Fortüne.

In jenem (Wahl-)Sommer 1932 nun richteten sich die Blicke auf einen anderen Mann: auf Franklin Delano Roosevelt, Hoovers prospektiven Herausforderer aus dem Lager der Demokraten. Selbstbewusst reiste er – per Flugzeug – nach Chicago zum Wahlkonvent seiner Partei. Das allein war schon überraschend, denn anders als heute hatte sich der Kandidat damals zur Stunde seiner Nominierung abseits zu halten. Und noch etwas überraschte an Roosevelt: Er lächelte. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte die Öffentlichkeit nur ernste, fast grimmige Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten. Vor allem der Vorgänger Hoovers, der über einen Wirtschaftsboom sondergleichen präsidierende Calvin Coolidge, galt nicht nur als extrem wortkarg (Spitzname: Silent Cal), sondern als geradezu sauertöpfisch. Nur Theodore Roosevelt hatte man häufiger lächeln gesehen – der legendäre "Teddy", Präsident von 1901 bis 1909, war ein (sehr) entfernter Cousin Franklin Roosevelts; Theodores Nichte Eleanor wurde Franklins Frau.

Franklin D. Roosevelt, Gouverneur von New York, war ein Mann von immensem Charme – obwohl vom Schicksal nun wahrlich nicht nur verwöhnt. Geboren 1882 als einziger Sohn eines reichen Kaufmanns, erkrankte er 1921 an Kinderlähmung. Sie nahm ihm die Kraft in den Beinen; für den Rest seines Lebens blieb er auf den Rollstuhl angewiesen. Doch die Krankheit gab dem vermögenden jungen Anwalt auch ein besonderes Gespür für das Leiden anderer. Im Heilbad Warm Springs in Georgia, das er aus Privatmitteln ausbauen ließ, war er mit Patienten aus allen Schichten zusammengekommen, eine soziale Erfahrung, Welten entfernt von seiner privilegierten Jugendzeit als Harvard-Absolvent und Student der Columbia University.

Als er in jenem Sommer auf dem Parteitag in Chicago, einer Stadt, in der die Arbeitslosenquote auf 40 Prozent geklettert war, seine Nominierung als Herausforderer Hoovers annahm, schleuderte er den Delegierten einen Satz entgegen, der bei den Zuhörern nachbebte und im Gedächtnis haften blieb: "I pledge you, I pledge myself, to a new deal for the American people."