Über Franz Schuberts Schöne Müllerin schreibt der Wanderer Ian Bostridge nebenbei noch einen konzisen Aufsatz. Den gibt es als Zugabe, und Bostridge setzt titelgebend sehr niedlich in Klammern: Im Winter zu lesen, wie es schon im Original der Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten von Wilhelm Müller heißt. Weil doch der jahreszeitlich fixierte Zuhörer bestimmt zu einer anderen Schubertschen Reise greifen würde - was Bostridge ahnt. Aber die Winterreise hat er bereits mit dem kühl analysierenden Leif Ove Andsnes aufgenommen.

Nun folgt komplementär im Kontrast dazu Die schöne Müllerin, D 795. Und Bostridge scheint mit seiner seltsam durchsichtigen, schwebenden, aber immer auch bedrängenden Tenorstimme förmlich neben einem zu stehen, kaum dass er anhebt: Da tanzen an der Mühle gleich die Steine mit den muntern Reih'n, jedenfalls wenn sie so gekonnt bewegt werden wie von Mitsuko Uchida am Flügel. Das poltert, bevor es weitergeht, immer am Bach entlang, und der Bach singt sein Lied. Selbst eine Schubert-Pianistin von Gnaden, begleitet Uchida Ian Bostridge nicht etwa nur im melodiösen Halbschatten, sondern tritt ihm ordentlich auf die Fersen und treibt ihn an - eine Motivationskünstlerin, aber dann, im Tränenregen auch wieder so sinnend und mitfühlend modulierend (Da gingen die Augen mir über, da ward es im Spiegel so kraus ...), dass es einem ganz anders werden kann. Und soll! Eine fröhliche Angelegenheit (Bostridge) ist die Schöne Müllerin schließlich nur auf den ersten Blick.

Uchida und Bostridge versuchen, wie Dietrich Fischer-Dieskau einmal postuliert hat, jenen Schubert zu finden, dem die Melodie nie für sich allein gilt, sondern Menschliches enthüllt und verklärt. Solcherart fällt die technisch überragende Aufnahme nie zurück in falsch verstandene Naivität, versteigt sich aber auch nicht zur Interpretation als angewandte Psychoanalyse, obwohl sie auf diesem Gebiet (Eifersucht und Stolz, Trockne Blumen) Beträchtliches leistet. Was Schubert in der Schönen Müllerin durch Uchida und Bostridge sagt, steht immer ein wenig in Klammern. Und lässt einen nicht mehr los.

Franz Schubert: Die schöne Müllerin, D 795

Ian Bostridge (Tenor), Mitsuko Uchida (Klavier) - EMI 5 57827 2