»Auf den Rummel kannste nicht gehen«

Neonazis feierten das sächsische Wurzen als »national befreite Zone«. Heute sitzt die NPD im Stadtrat. Einige Jugendliche wollen ihre Stadt zurückerobern. Sie kämpfen um den öffentlichen Raum – und gegen die Angst

Das Unheimliche sind die kleinen Zeichen, die beiläufigen, solche, die ein Besucher nicht bemerken würde. Es ist Samstagnacht, halb zwölf, Doreen will noch ein paar Briefe zum Postkasten bringen. Nur wenige hundert Schritte sind es, einmal über den leeren Marktplatz und die Jacobsgasse hinunter. Auf dem Rückweg kommen zwei Autos vorbei, sie fahren dicht hintereinander wie eine Kolonne. Das zweite, ein tiefer gelegter Opel Vectra, bremst, rollt langsam noch einige Meter, stoppt. Die Beifahrertür öffnet sich. Ein junger Mann guckt heraus, er hat sehr kurze Haare. Er mustert Doreen. Blicke treffen sich. Ein, zwei Sekunden nur. Dann fliegt die Tür wieder zu. Der Wagen fährt mit jaulendem Motor davon, verschwindet hinter der nächsten Häuserecke.

»Den kenn ich«, sagt Doreen. Er kennt sie auch.

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Soll man wegen einer solchen Begegnung die Polizei rufen? Muss man Angst haben? Ist die Szene überhaupt der Rede wert?

Auch Ingo sagt, er sei einiges gewöhnt. Diesen Ruf »Scheiß Zecke, wir kriegen dich!« zum Beispiel. Aber »wirklich gruselig« sei neulich im Gerichtssaal der Blick eines rechten Schlägers gewesen, dazu das feine Kopfnicken, das er direkt nach dem überraschend harten Urteilsspruch zu ihm herüber auf die Zuschauerbank schickte. Vor ein paar Monaten erst hatte ein Nazi eine Belastungszeugin auf der Straße abgepasst. Er baute sich vor ihr auf, holte einen Zettel aus der Tasche und las eine Liste mit den Namen all jener vor, die gegen ihn ausgesagt hatten, dazu die Privatadressen. Nichts weiter.

Wurzen ist ein schmuckes Städtchen, 20 Kilometer östlich von Leipzig: gepflasterte Straßen, ein renovierter Marktplatz, ein mächtiger Dom. Man ist sehr stolz darauf, dass der Dichter Joachim Ringelnatz 1883 hier geboren wurde. Zu DDR-Zeiten brummte in Wurzen die Industrie. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 16 Prozent.

Wird in überregionalen Medien über Wurzen berichtet, dann meist wegen seiner Rechtsextremisten. In den neunziger Jahren gab es offene Straßenschlachten. Aus Angst vor dem rechten Mob wurde damals ein Asylbewerberheim geräumt. Rechte schlugen portugiesische Bauarbeiter zusammen, zerschossen einem halbblinden Obdachlosen das sehende Auge mit einem Luftgewehr. Regelmäßig gab es Rechtsrock-Konzerte, in den städtischen Jugendclubs herrschten Glatzen und Springerstiefel. Die Neonazi-Szene feierte Wurzen damals als erste »national befreite Zone«. Eine rechtsextremistische Zeitschrift pries die Stadt als »Modell einer gelungenen lokalen Kulturrevolution«.

Heute sitzt die NPD in Fraktionsstärke im Stadtrat, bei der Landtagswahl im September 2004 holte sie in Wurzen 11,4 Prozent. Bei den letzten Haushaltsberatungen ließ sich die CDU von ihr zur Mehrheit verhelfen. Vor ein paar Monaten haben ein bekannter Parteikader und der Besitzer eines rechten Musikversands ihren Wohnsitz nach Wurzen verlegt. Auf den Straßen ist es inzwischen etwas ruhiger geworden. Laut Polizeistatistik. Sehr langsam fahrende Autos und stechende Blicke zählen darin nicht.

Es gibt viele Möglichkeiten, mit der Angst umzugehen. Doreen, Ingo und ihre Freunde beschlossen irgendwann, sich zu wehren, ihre Stadt nicht kampflos den Rechten zu überlassen. Im Herbst 1999 gründeten sie das Netzwerk für Demokratische Kultur e. V. (NDK). Vorher waren sie in einer Umweltgruppe aktiv, machten in Punkbands Musik, wohnten in einem besetzten Haus – in den Augen der Rechten waren sie allesamt »Zecken«.

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