Revolutionen und demokratische Umstürze brauchen ein Bild, um von der Welt bemerkt zu werden. Dieses Bild haben die Libanesen den arabischen Völkern in den vergangenen Wochen geschenkt: Die Demokraten in Beirut sind Mitte 20, sie schwenken Nationalflaggen mit der grünen Zeder, sie feiern dem Rückzug der syrischen Truppen entgegen. Rasch fügt sich dieses Bild mit anderen Eindrücken zusammen: Auch die Ägypter demonstrieren, die Marokkaner wählen schon seit Jahren frei und gleich, neuerdings auch die Palästinenser. Die arabische Welt – als rückständig und erstarrt verschrien – gerät von unten in Bewegung. Das Demokratie-Domino hat begonnen. Übersetzung: Demokratie BILD


Das libanesische Bild ist schon vertraut aus einer anderen Zeit, einer anderen Weltgegend. So liefen Ostdeutsche, Tschechen, Bulgaren und zuletzt die Ukrainer ihrer Freiheit entgegen. Wiederholt sich der Epochenbruch von 1989 in der arabischen Welt? Ist Kiew-Orange eine ansteckende Farbe? Die Ursachen, lässt ein erster, flüchtiger Blick erkennen, ähneln einander: verkrustete Regime mit Herrschern, die Bärte und Resthaar färben, um die verzehrenden Jahrzehnte an der Macht zu übertünchen; eine Wirtschaftskrise, die seit Generationen die Bürger jeglicher Perspektive beraubt; steter Druck der westlichen Supermacht, sich der Globalisierung und universalen Ideen zu öffnen. Neue Ursachen kommen hinzu: die arabischen Satellitensender, welche in jedes Haus das tragen, was Staatskanäle ausblenden; der 11. September als Schock auch für die arabische Welt; Jassir Arafats Tod und das Aussterben charismatischer Revolver-Staatsmänner.

Entscheidender aber als die Frage des Woher ist die des Wohin. In welche Richtung laufen die arabischen Vorkämpfer der Freiheit? Hier liegt der auffällige Unterschied zu Osteuropa. Die Demokraten von Prag bis Sofia waren vom unstillbaren Drang nach Westen erfüllt. Die Demonstranten von Beirut und Kairo dagegen wollen sich vom Westen abgrenzen, sie suchen nach eigenen Lösungen, nach "ihrer" Demokratie. Damals war Amerika das aus der Ferne leuchtende Vorbild, heute geben die USA den heftig um sich schießenden Befreier im mythenbeladenen Bagdad. In Osteuropa griffen die Jugendlichen gierig nach Coca-Cola, in der arabischen Welt ist längst Mekka-Cola angesagt.

Für die meisten Araber ist der Irak kein Labor der Demokratie. Freie und unfreie arabische Medien haben die Wahl vom 30. Januar heruntergespielt. Sie begrüßen den Boykott vieler irakischer Sunniten. Den Amerikanern, die rastlos für die Verbreitung der Demokratie im Nahen und Mittleren Osten werben, glauben die Araber nicht. Deren Mission verbinden sie nicht mit D für Demokratie, sondern mit drei G-Wörtern: Guantánamo, Abu Ghraib und GIs, brüllend bei der Hausdurchsuchung. Bisher behindert das Beispiel Irak die Verbreitung der Demokratie im weiteren Arabien.

Autoritäre Regime. Das heißt nicht unbedingt, dass die Stabilität predigenden und auf Absatz bedachten Europäer es besser machen. Kanzler Schröders jüngste Geschäftsreise nach Saudi-Arabien und der abgesagte Besuch der US-Außenministerin in Kairo bilden da einen aufschlussreichen Kontrast. In Ägypten führen die Amerikaner vor, wie sie ohne Kumpelei und ohne Kanonen hartgesottene Reformverächter erweichen wollen. Condoleezza Rice machte einen Bogen um Kairo, nachdem die ägyptische Polizei einen liberalen Oppositionspolitiker verhaftet hatte. Anstelle der Außenministerin reiste eine Handelsbeauftragte. Sie bedeutete den Ägyptern, dass für ein von ihnen ersehntes Freihandelsabkommen nicht nur wirtschaftliche Anpassung, sondern vor allem politische Reformen nötig seien. Auch so kann man arabischen Machthabern begegnen.

Die Gebieter von Ägypten, Saudi-Arabien und Syrien sehen sich von oben ebenso bedrängt wie von der Basis – von den USA und von ihrer eigenen Bevölkerung. In Massenaufmärschen rufen junge Ägypter ihrem schon 24 Jahre herrschenden Staatschef Mubarak zu: "Kifaja!" – Genug! Die Demonstranten fordern eine Volkswahl des Präsidenten mit mehreren Kandidaten. Ein Ende des seit 1981 andauernden Kriegsrechts. Eine demokratische Verfassung. Hosni Mubarak sucht nun nach Wegen aus der selbst verschuldeten Not. Auf einer seltenen Überlandfahrt beehrte er die Provinz mit seiner Anwesenheit. Dann kündigte Mubarak an, sich im September einer Wahl mit mehreren (von oben zugelassenen) Kandidaten stellen zu wollen.

So weit sind die Prinzen im Hause Saud zu Riad nicht. Doch immerhin lassen sie zum ersten Mal in den Städten und Dörfern wählen, ganz vorsichtig, halb und halb. Die saudischen Männer wählen in diesen Wochen die Hälfte der Gemeindeparlamente, der Rest wird weiter vom König ernannt. Fragen die Amerikaner demnächst nach Reformen, werden die Saudis ihnen gern die Reize des Wahlkreiszuschnitts in der Wüste zum Systemvergleich erläutern.