Lange Zeit verliefen Debatten über Armut in Deutschland ungefähr so wie Gespräche über Sex: Es wurde geheuchelt. Hinter der Erregung über vermeintliche Ungerechtigkeiten verbarg sich in Wahrheit Gleichgültigkeit. Die Kirchen bekamen zwar Beifall, wenn sie über Armut klagten, aber gleichzeitig standen Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger unter dem Verdacht, Drückeberger zu sein: Politiker konnten deshalb mit Zustimmung rechnen, wenn sie gegen den "kollektiven Freizeitpark" (Helmut Kohl) wetterten oder gegen ein "Recht auf Faulheit" (Gerhard Schröder). Die Medien jaulten meistens erst dann auf, wenn die Mittelschichten bluten sollten. Während der Hartz-Proteste des Sommers 2003 zum Beispiel entzündete sich die heißeste öffentliche Kritik an der Frage, welche Ersparnisse und Lebensversicherungen angetastet würden. Mit Armut hatte das wenig zu tun, dafür aber viel mit Abstiegsängsten. Man muss ja erst mal eine Lebensversicherung besitzen, um sie auflösen zu können.

Nun scheint sich das zu ändern. Die Deutschen schauen neuerdings in ihre Hinterhöfe – und sie scheinen sich wirklich dafür zu interessieren, was dort zu finden ist. Sie reden über "Parallelgesellschaften" und über "Unterschichten" auch dort, wo man es nicht erwarten würde – zum Beispiel in der Show von Harald Schmidt, in der es neuerdings oft um Armut oder um neue Unterschichten geht. Oder im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die soeben die Unterschicht als "Lifestyle-Avantgarde" pries – als müssten Modefirmen ihre Trendscouts demnächst in Spielhöllen und Bahnhofshallen schicken.

Besonders auffällig war die Februarausgabe des deutschen Rolling Stone, der ein langes Interview mit dem Bremer Geschichtsprofessor Paul Nolte veröffentlichte. Der Pastorensohn Nolte, angekündigt als "Mann der Stunde im politischen Diskurs", posierte mit schüchternem Blick und im schwarzen Lodenmantel vor schrillen Berliner Graffitiwänden und sprach ausführlich über seine Lieblingsthemen: Armut, Unterschichten und "bürgerliche Leitkultur". Das Magazin räumte dafür sechs Seiten frei, mehr als für den Jungstar Adam Green. Spätestens da zeigte sich: Es wird gerade ziemlich schick, über Armut und Unterschichten zu reden.

Solche Moden wären nicht von Belang, gäbe es nicht harte Gründe dafür, dass ein besonderes Interesse an den Armen und der Armut entsteht. Da wäre erstens die Rekordarbeitslosigkeit, die auch jene verschreckt, die noch feste Stellen haben. Die Angst vor dem Absturz reicht bis weit in die Mittelschicht. Plötzlich kennt jeder einen Arbeitslosen. Oder er kennt jemand, der einen Arbeitslosen kennt. "Die Arbeitslosigkeit hat neuerdings ein Gesicht", sagt Günter Krings, Chef der Jungen Gruppe in der Bundestagsfraktion der Union. Zweitens steigt mit der Hartz-Reform der Druck. Arbeitslose müssen häufiger als bisher schlecht bezahlte Jobs annehmen, in andere Städte umziehen und sich noch schneller bei Arbeitsagenturen melden. Es ist schwerer geworden, sich als Schwarzarbeiter durchzumogeln. Möglicherweise erhöht eine neue Mischung aus Angst und Mitgefühl nun die Bereitschaft von Gutverdienenden, sich nach langer Zeit wirklich für Armut zu interessieren.

Ihren Armutsbericht hatte die Bundesregierung klug versteckt

Und schließlich spricht sich, drittens, auch bei denen mit sicheren Jobs, schönen Häusern und tollen Autos herum, dass es bei dem Streit um Sozialhilfekinder aus Berlin-Moabit oder Köln-Kalk um ihre eigene Zukunft geht. Das wiederum liegt am demografischen Wandel und an der Diskussion über Alterung und Geburtenschwund. Die verwahrlosten Kinder und Jugendlichen von heute müssten morgen, in der gealterten Gesellschaft, eigentlich tragende Rollen spielen: als Facharbeiter, als Pflegekräfte, als Steuerzahler. In anderen alternden Gesellschaften, vor allem in Japan, stehen die Kinder und Jugendlichen deshalb im Zentrum aller Diskussionen über Demografie.

In Deutschland hat schon vor zwei Jahren die Pisa-Studie den Mangel an Aufstiegschancen erhellt. Dann folgte die Debatte über Parallelgesellschaften von Einheimischen und Migranten. Auch das trug dazu bei, dass über Armut heute anders gesprochen wird als früher. "Armut ist nicht in erster Linie ein materielles Problem", sagt die grüne Verbraucherministerin Renate Künast. "Wir haben Fernseher in jedem Kinderzimmer, aber Erstklässler mit einem Sprachniveau von Dreijährigen." Geld auszuzahlen löst viele Probleme der sozial Schwachen nicht – diese Einsicht macht sich in allen Parteien breit, auch bei den Linken. "Bildung ist die zentrale Herausforderung des Sozialstaats geworden", so formuliert es die SPD-Linke Andrea Nahles.

Dennoch scheint es nicht, als wollten die Parteien die Unterschichten zu ihrem Thema machen. Den offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ließ Sozialministerin Ulla Schmidt vergangenen Mittwoch von ihrem Staatssekretär präsentieren. Es war abzusehen, dass er neben den fast zur gleichen Zeit veröffentlichten Rekordzahlen vom Arbeitsmarkt wenig Beachtung finden würde. Die Neigung, neben der Arbeitslosigkeit noch ein weiteres Angstthema sichtbar zu machen, ist in der Regierung nicht groß.