Man muss es einen Euphemismus nennen, von der "Beschneidung" von Mädchen und Frauen zu sprechen, ist das Wort doch – auf die Behandlung von Männern bezogen – überwiegend positiv konnotiert. Ausgehend von der englischen Bezeichung female genital mutilation spricht man heute meist von "Genitalverstümmelung", ein Ausdruck, der die Tatsachen exakter beschreibt, denn der Ritus kann weder gesundheitlich noch religiös gerechtfertigt werden. Auch wenn er überwiegend in muslimisch geprägten Ländern durchgeführt wird ( UNICEF zufolge in 28 Ländern Afrikas und einigen asiatischen Staaten), liegen die Ursprünge des Rituals weit zurück in vorislamischer Zeit. Der arabische Name für diese Epoche lautet Jahiliyya, zu deutsch: Ära der Unwissenheit. Bis auf einige umstrittene Belege in den Hadithen (eine dem Propheten Mohammed zugeschriebene Spruchsammlung) bietet der Islam keine Basis für eine Rechtfertigung der Genitalverstümmelung. Dennoch blieb sie auch nach der Durchsetzung des Islam Tradition. Frau in Gan beim Initationsfest. Sie zeigt durch die Bemalung, dass eine ihrer Töchter beschnitten worden ist© BMZ BILD

Der Eingriff kann von der partiellen oder völligen Entfernung der Klitoris (Klitoridektomie), der zusätzlichen Abtrennung der kleinen Schamlippen (Exzision) bis zur sogenannten Infibulation reichen, bei der neben Klitoridektomie und Exzision auch die Beschneidung der großen Schamlippen durchgeführt wird. Anschließend wird die Vagina zugenäht – bis auf ein kleines Loch, das Urin und Menstruationsblut durchlassen soll. Einer Schätzung von Amnesty International zufolge sind 15 Prozent aller Genitalverstümmelungen in Afrika Infibulationen.

Es sind medizinische Laien, die den Eingriff vornehmen, Frauen meist, die als Mädchen selbst beschnitten wurden. Ihre Operationswerkzeuge sind Scheren, Messer, Glasscherben, Holzsplitter, Dornen. Die Opfer, überwiegend zwischen vier und vierzehn Jahren alt, leben fortan mit dem Schmerz. Oder sterben. In vielen Fällen führen Infektionen zum Tod, und an den nicht desinfizierten, unzählig verwendeten Operationsutensilien der Beschneiderinnen lauert eine ganz andere Gefahr: Aids.

Jene, die das Ritual überleben, kämpfen mit den Schmerzen beim Urinieren und während der Monatsblutung, mit Organschäden und mit Infektionen aller Art. Der Geschlechtsakt wird zur Qual. 15 Prozent der Frauen, berichtet Amnesty International, müssen von ihrem Ehemann vor dem ersten Geschlechtsverkehr regelrecht aufgeschnitten werden. Auch für die Geburt eines Kindes muss die Naht wieder geöffnet werden – freilich nur, um sie anschließend wieder zu verschließen. Die Frau soll nur dem Ehemann ‚offen’ sein, die Beschneidung soll sie vor Promiskuität schützen. Nur eine beschnittene Frau gilt als Frau, die Klitoris hingegen als der "männliche Teil" des weiblichen Körpers, sie macht eine Frau unrein. Die Genitalverstümmelung soll der "Sauberkeit" des Mädchens dienen, und die gesundheitlichen Folgen werden häufig nicht mit der Beschneidung in Verbindung gebracht. Mütter sind daher überzeugt, ihren Töchtern mit der Beschneidung einen Dienst zu tun. Das Ritual wird meist von einer Feier begleitet, die bei älteren Mädchen gleichzeitig die Initiation in die Erwachsenenwelt zelebriert.

Bereits 1958 hat die World Health Organization (WHO) eine Studie zur Genitalverstümmelung von Frauen durchgeführt – seitdem steht das Thema auf der Agenda der Vereinten Nationen, seitdem kämpft man gegen die "Medizinisierung" (medicalization) der Verstümmelungen: die Durchführung der Beschneidung durch einen professionellen Arzt. Dadurch wird zwar das Risiko von Komplikationen gesenkt, gleichzeitig aber auch das Ritual legitimiert und institutionalisiert. Als Ägypten 1994 die Genitalverstümmelung unter der Bedingung, sie werde durch einen Arzt durchgeführt, legalisierte – eigentlich ein gut gemeinter Akt – gab es einen internationalen Aufschrei, auf den hin das Gesetz 1995 zurückgenommen wurde. Mittlerweile haben mehrere afrikanische Staaten Gesetze gegen die Genitalverstümmlung erlassen. Um deren Durchsetzung zu gewährleisten, bedarf es internationaler Anstrengungen.

Dafür muss, wie UNICEF in seinem Aufruf fordert, das Thema noch weiter ins allgemeine Bewusstsein rücken, und die Bewohner der Industrienationen müssen wahrhaben, dass das Problem nicht nur fern ihrer Lebenswelt, sondern auch mitten unter ihnen existiert. In Deutschland leben Schätzungen zufolge über 20 000 beschnittene Frauen und 6000 Mädchen, die bedroht sind, Opfer des Rituals zu werden.

Es gilt außerdem zu bedenken, dass die Klitoridektomie in den USA bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein praktiziert wurde, um "exzessive Masturbation" und "Hysterie" zu "kurieren". Auch die aus Somalia stammende Autorin Waris Dirie, die in ihrem Heimatland im Alter von fünf Jahren beschnitten wurde, warnt in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vor westlicher Überheblichkeit: "Was bei Afrikanerinnen als barbarisches Ritual gesehen wird, ist in vielen Schönheitskliniken hierzulande doch üblich" – die Bereitschaft der westlichen Frau, sich verstümmeln zu lassen, gehe auf dasselbe Motiv zurück, das auch der Beschneidung zugrunde liege: "Für wen, bitte, sollte man sich seine Vagina redesignen lassen, wie es bei den Chirurgen so schön heißt, wenn nicht für einen Mann?"