Zwei gegenläufige Tendenzen zeichnen sich im deutschen Bildungswesen derzeit ab: Die vertikal gegliederte Schulstruktur wird eher gestärkt denn abgebaut; zugleich bahnt sich an den Hochschulen der Wechsel einer vertikal organisierten Strukturierung mit unterschiedlich wertigen Fachhochschulen und Universitäten zu einem in Bachelor- und Master-Studiengänge gestuften System an. Dies koppelt und doppelt die Selektivität von zwei unterschiedlichen Ansätzen. Und es wird den Mangel an Akademikern verschärfen.

Das Grundmuster des deutschen Schulsystems konnte bisher alle Anstürme überdauern: Nach der Grundschule werden die Heranwachsenden in Bildungswege eingefädelt, die ihrer Leistungsfähigkeit und ihren Interessen entsprechen sollen. Die Ausleseprozesse, die diesem Bildungsparcours eigen sind, sorgen dafür, dass von den Schülern, die zur Grundschule kommen, 38 Prozent eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben – 27 Prozent das klassische Abitur und weitere 11 Prozent die Fachhochschulreife. Nur ein Teil von ihnen nutzt sein Recht und nimmt ein Studium auf. Da von diesen wiederum nur etwa 70 Prozent ihr Studium abschließen, erwerben in Deutschland derzeit (2002) nur 19 Prozent einen Hochschulabschluss – 6 Prozent an Fachhochschulen und 13 Prozent an Universitäten.

Das neue System: Gegliederte Schule – gestuftes Studium

Anders als Deutschland organisieren die meisten Industrieländer ihr Bildungssystem stufenförmig – ohne gegeneinander abgeschottete Bildungswege. Das Herausfiltern und Bilden besonders leistungsfähiger junger Menschen leisten sie beim Übergang von Stufe zu Stufe. So kennt etwa das Bildungssystem der USA den Weg über Elementarschulen, Highschools und Hochschulen, die in einer ersten Bildungsstufe zum Bachelor- und in einer zweiten Stufe zum Master-Abschluss führen. Auf diesem Weg erreichen derzeit 73 Prozent der jungen US-Bürger eine Hochschulzugangsberechtigung. Auch von ihnen studieren nicht alle, auch dort finden wir mit 66 Prozent eine sehr niedrige Erfolgsquote, aber infolge der so deutlich höheren Berechtigtenquote gelangen in den USA 33 Prozent zu einem ersten akademischen Abschluss (Bachelor). Erst danach wird dieses System wirklich selektiv: Nur noch 16 Prozent erreichen im anschließenden Master-Studium einen Abschluss (2000).

Vergleicht man die Abschlussquoten der Länder mit einem gestuften System mit denen Deutschlands, so fällt auf: Die Quoten derer, die ein akademisches Langzeitstudium absolvieren (in Deutschland mit dem Abschluss Staatsexamen, Diplom oder Magister, in den "gestuften" Ländern mit dem Master-Abschluss), liegen dicht beieinander. Im Jahr 1999, aktuellere Vergleichsdaten liefert die OECD derzeit nicht, betrug diese Quote in Deutschland 11 Prozent, in Frankreich 13 Prozent, in den USA und im Vereinigten Königreich 14 Prozent – bei einem OECD-Durchschnittswert von 11 Prozent. Es kann geschätzt werden, dass diese Quoten heute etwa 2 Prozentpunkte höher liegen. Im Ergebnis liegen die großen Industrieländer dicht beieinander, sie unterscheiden sich hinsichtlich des Weges dahin jedoch deutlich: Deutschland schließt große Jahrgangsanteile früh aus, in anderen Ländern geschieht dies erst deutlich später.

Wenn Deutschland nun das gestufte Hochschulsystem auf das vertikal gegliederte Schulsystem pfropft, so wird das schwerwiegende Folgen haben: Wer deutschen Lehrenden mit der Bachelor-/Master-Struktur ein weiteres Ausleseinstrument in die Hand gibt, darf getrost damit rechnen, dass es exzessiv genutzt wird. Schließlich setzen doch gerade viele Befürworter des gestuften Systems ihre Erwartung darauf, dass der berufsqualifizierende Bachelor-Abschluss die Möglichkeit offen hält, als weniger leistungsfähig erachtete Studierende auf den Arbeitsmarkt zu entlassen und dann das Master-Studium nur noch den "wirklich" geeigneten Studierenden anzubieten. Es ist kein Zufall, dass in den hochschulinternen Debatten die Quotierung des Übergangs aus dem Bachelor- in den Master-Studiengang einen zentralen Stellenwert hat. Vielerorts ist eine Quote von nicht über 50 Prozent im Gespräch.

Deutschland braucht mehr, nicht weniger Akademiker

Würde mit der neuen Studienstruktur an den Hochschulen eine zusätzliche Selektionsschwelle eingeführt, so ergäbe sich nahezu zwangsläufig eine Absolventenquote der Langzeitstudiengänge, die weit hinter internationale Werte zurückfiele. Orientiert man sich an der aktuellen Summe von Fachhochschul- und Universitätsabschlüssen, die bei 19 Prozent liegt, und unterstellt, dass diese Gruppe in einem gestuften System zumindest den Bachelor-Abschluss erreichen wird, so würde eine Quotierung auf 50 Prozent für den Master-Studiengang die deutsche Absolventenquote der Langzeitstudiengänge unter 10 Prozent drücken. Ein Abbau der Auslese im Schulsystem, der das kompensieren könnte, ist nicht in Sicht. Der Frühindikator der Bildungsbeteiligung, die Quote der Gymnasiasten in der achten Klasse, signalisiert keinen Wandel: Diese Quote pendelt seit Jahren zwischen 29 und 30 Prozent.