Die amerikanischen Soldaten, die am vergangenen Freitag in Bagdad den italinischen Gemeindienstmitarbeiter Nicola Calipari erschossen und die ZEIT -Mitarbeiterin Giuliana Sgrena verwundet haben, werden ihre eigene Version der Ereignisse haben. Dies ist die Geschichte, wie Giuliana Sgrena sie erzählt.

Feierstimmung im Wagen, so muss man sich das wohl vorstellen. So kurz nach der Befreiung, so kurz vorm Ziel. Sie habe mit Nicola Calipari auf der Rückbank gesessen, erzählt Giuliana Sgrena; er erzählte von zu Hause, wie es ihrem Lebensgefährten geht, ihren Eltern, ihren Kollegen. Mit allen hat Calipari während der vierwöchigen Geiselhaft der Journalistin Kontakt gehalten, jetzt plaudern und lachen die beiden wie alte Freunde. Vorn am Steuer sitzt Carabiniere-Major Andrea Caparni. Er gibt die freudige Botschaft per Mobiltelefon an den Bürochef des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi durch: "Giuliana Sgrena ist frei! Eben haben ihre Entführer sie übergeben!" Das Auto fährt durch eine Unterführung, in der eine große Lache Regenwasser steht. Der Wagen kommt ein wenig ins Schleudern. "Stell dir vor", sagt Sgrena im Scherz zu Calipari, "wir hätten jetzt einen Unfall, nach all dem, was wir hinter uns haben!" Jetzt fühlen die drei sich sicher.

"Wir sind gleich da! Es fehlen noch 700 Meter!", sagt der Fahrer. Hinter der Unterführung macht die Straße eine Rechtskurve. Vor ihnen liegt ein dunkler Streckenabschnitt. Es ist kurz vor neun Uhr Ortszeit. Die Streitkräfte werden später behaupten, die Soldaten am Straßenrand hätten sich an alle Vorschriften gehalten: Haltesignal, Lichtzeichen, Anruf durchs Megafon, Warnschuss. Sgrena erinnert sich anders. "Plötzlich lagen wir im Feuerhagel. Alle Wagenfenster sind zerborsten. Unser Fahrer stieg aus und schrie: ›Wir sind Italiener! Wir sind Italiener!‹ Aber es half nichts. Der Beschuss ging weiter." Calipari wirft sich von der Seite schützend über Sgrena. Noch im selben Augenblick sackt er zusammen. "Sofort, wirklich sofort, hörte ich seinen letzten Atemzug, er starb in meinen Armen", sagt Sgrena.

Aus einem Panzerwagen laufen Soldaten auf das Auto zu und reißen die Türen auf. "Nicola fiel heraus", berichtet Sgrena, "ich hörte, wie die Soldaten fluchten. Sie legten mich auf den Boden. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich tot oder lebendig war. Sie schnitten mir die Kleider auf, um zu sehen, ob ich verwundet war. Sie versuchten, mir eine Infusion zu legen, schafften es aber nicht. Es war sehr dunkel. Sie hatten nur eine Taschenlampe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich noch am Leben war. Ich hatte schrecklichen Durst, und dann blieb mir plötzlich der Atem weg. Nach einigen Minuten wurde ich mit einem Panzerwagen ins Krankenhaus am Flughafen gebracht." Ein Splitter hat sich in ihre Lunge gebohrt. – Keine lebensbedrohliche Verletzung, wie sich bald herausstellt.

Die Nachricht vom Beschuss der Italiener lässt Europa zusammenzucken. Als hätten die Amerikaner im Irak nicht schon genug Malheur angerichtet, jetzt feuern sie auch noch auf eine gerade befreite Geisel in der Obhut ihrer Retter! Noch bevor der Pulverdampf sich verzogen hat, schießen Verschwörungstheorien ins Kraut. Haben die GIs im direkten Mordauftrag des Pentagon gehandelt, um eine missliebige Reporterin aus dem Weg zu räumen? So absurd derlei Spekulationen sind, so unbestreitbar ist die Tatsache, dass es an Militär-Checkpoints im Irak immer wieder zu regelrechten Blutbädern kommt, Unschuldige in Kugelhageln sterben. Gezählt hat sie bisher niemand, aber die "Checkpoint-Toten" sind längst zum festen Begriff geworden. Nur wenige Stunden nach dem Beschuss der Italiener erschossen US-Soldaten von einem Posten einen bulgarischen Soldaten, der sich auf Patrouille befand. Doch meist trifft es Iraker, oftmals Frauen und Kinder. Es trifft sie, weil die amerikanischen Soldaten Angst haben, selber getroffen zu werden. Vergangene Woche starb nicht nur Nicola Calipari, es starb auch der 1500. US-Soldat im Irak.

"Was geschah, war ein Schock, aber keine Überraschung"

Der Tod des italienischen Geheimdienstmannes war also in der Tat kein Zufall, sondern wohl eher die Folge eines systematischen Problems. "Was am Freitag vergangener Woche passiert ist, war ein Schock, aber keine Überraschung." Das sagt Fred Abrahams, Mitarbeiter der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch, der im Oktober 2003 einen umfassenden Bericht über Todesfälle an den Kontrollposten der Amerikaner schrieb. Bei allem Verständnis für die Nervosität der Soldaten, die Tragödie, sagt er, passe genau in das Muster, welches alle seine untersuchten Vorfälle aufwiesen. "Dieses Muster besteht zum einen aus der Bereitschaft amerikanischer Soldaten, schnell tödliche Gewalt anzuwenden. Zum anderen waren zur Zeit unserer Untersuchung viele Checkpoints schlecht markiert." Vor allem aber kritisiert Abrahams, dass GIs, die überzogen reagieren, kaum eine Bestrafung fürchten müssen.

Umso mehr gerät gleich nach dem Wochenende der Präsidentensprecher Scott McClellan im Weißen Haus unter Beschuss. "Hat der Präsident veranlasst, dass es neue Richtlinien für den Schusswaffeneinsatz an Kontrollstellen im Irak gibt?", will ein Journalist wissen. McClellan hebt zu einem Vortrag über "Italien, den guten Freund und Partner" an. Ein "tragischer Unfall" sei da geschehen, der "genauestens untersucht" werde. Nachfrage: "Und die Richtlinien an den Checkpoints?" Es handele sich bei der Region Bagdad "um eine Kriegszone". Noch mal nachgefragt: "Sir, die Frage nach neuen Richtlinien für die Checkpoints." Es scheint, als habe McClellan die Frage jetzt erst verstanden: "Da müssten Sie bei den Streitkräften in Bagdad nachfragen."