50 Filmklassiker Mensch Marlene
In "Der blaue Engel" von Josef von Sternheim ist Marlene Dietrich eigentlich noch Mensch.
Manche Menschen leben als Ikone für immer in unserem kollektiven Gedächtnis. Über Marlene Dietrich ließe sich sagen, dass sie vielleicht die einzige Ikone ist, die sogar als bewegtes Bild existiert, denn die Sorgfalt, mit der ihr Entdecker Josef von Sternberg sie vor der Kamera ausleuchtete und ihre Körpersprache auf minimalistische Posen einfror, bewirkte, dass sogar ihre Filmausschnitte wie eine Serie von Standfotos wirken. Das alles begann mit dem Der blaue Engel, in dem sie eigentlich noch »Mensch« ist, mit frechem Berliner Mundwerk und einem pummeligen Gesicht über Backen, die noch nicht durchs Ziehen der Zähne ausgehöhlt sind.
An Heinrich Manns Roman Der Untertan interessierte von Sternberg die Verführung und Unterwerfung eines unbescholtenen Bürgers durch eine verruchte Frau. Doch gerade so wurde sein Film ein Porträt seiner Zeit und die Analyse einer masochistischen Gesellschaft, die mit der Moderne nicht fertig wurde und sich nur zu willig einer Autorität untertänig machen sollte. Heute ist uns klar, dass schon durch die Änderung des Titels von Professor Unrat zu Der blaue Engel nicht nur die Perspektive, sondern auch die Hauptperson wechselte. Doch als der Film entstand, war nicht die Dietrich der Star, sondern Emil Jannings. Der arme Regisseur verzweifelte an dessen Theatersprache. Dennoch durfte Jannings sein übertriebenes Bühnendeutsch behalten, wodurch der Dünkel und das Ewiggestrige des Gymnasialstudienrates unfreiwillig verstärkt wurden.
Für die Rolle der Lola fiel Sternbergs Wahl auf eine, die gar keine Schauspielerin war, die vor allem nicht mal richtig sprechen, geschweige denn singen konnte: eben Marlene Dietrich. Im Berlin der zwanziger Jahre war sie durchaus bekannt, vor allem im Varieté, wo sie gerade Friedrich Holländers Lieder mit unerhörter Frechheit sang. Nur beim Film hatte sie bis dahin kein Glück. Entsprechend skeptisch stellte sie sich Sternberg vor. Gerade an dieser »coolen« Haltung wird er seine Lola erkannt haben, denn nicht sie bewarb sich bei ihm, er musste sie umwerben. Jannings willigte schließlich ein: Wenigstens würde ihm niemand die Show stehlen.
Dass es anders kam, lag an der Alchimie dieses unwahrscheinlichsten aller Paare, das keines war: Dietrich/Sternberg. So wie Sternberg Jannings’ Eitelkeit und sein ewig-deutsches Selbstmitleid für den Professor Unrat einsetzte, so spürte er in der preußisch-disziplinierten Marlene die Fähigkeit zum Spiel mit der Sexualität. Sie verstand, dass der Schein das Wichtigste war und dass die Sehnsucht nie befriedigt werden kann, im Kino schon gar nicht. War dieses Spiel der Verführung und Hingabe in Der blaue Engel noch halbwegs in der Wirklichkeit angesiedelt, würde es in Hollywood bald ganz in die Welt der Träume führen. Sternberg war schon nach den Dreharbeiten nach Amerika zurückgereist. Marlene folgte ihm noch in der Premieren-Nacht. Im Abendkleid eilte sie quer über den Ku’damm zum Bahnhof Zoo, wo sie der Zug nach Bremerhaven, das Schiff nach New York brachte. Der blaue Engel, der sie immer bleiben würde, eroberte auf seine Weise die Welt.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
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