Ein paar Filmminuten, bevor Adolf Hitler sich hinter den Kulissen umbringt, haben zwei Nebenfiguren ihren Auftritt im Bunker unter der Reichskanzlei. Der Generalstabschef des Heeres Hans Krebs und der Major Bernd Freytag von Loringhoven kommen aus dem Friedhofsdunkel eines unterirdischen Korridors ins fahle Notlicht, um die oben tobende "Entscheidungsschlacht" zu bereden. Der Führer habe keine Lust, erklärt der feiste Krebs dem smarten Loringhoven, als "germanische Bestie" in einem "russischen Panoptikum" ausgestellt zu werden und auch für ihn selbst stelle sich nur noch die Frage: "Kugel oder Kapsel?"

Die kalte Totengräberszene illustriert sehr schön die Stimmung während der letzten Tage des "Tausendjährigen Reiches": bockige Weltuntergangseuphorie einerseits, bange Dienstbeflissenheit andererseits. Mit einem klassischen Kunstgriff kündigt der Regisseur und Drehbuchautor Hans-Christoph Blumenberg den lodernden, heulenden Showdown an. Leider wird die Kellerszene, die wegen des authentischen Führerzitats glaubwürdig wirkt (nachzuschlagen etwa in Joachim Fests Buch Der Untergang), später durch eine zweifelhafte Episode fortgesetzt: Der Bunkertelefonist Rochus Misch glaubt, als er Krebs’ Leiche in einem Sessel vorfindet, der Mann schlafe nur und will ihn wachrütteln. Er rüttelt dramatisch, noch dramatischer ist sein Erschrecken. Aber kann das sein? Hätte nicht Misch das Einschussloch an der Schläfe sofort bemerken müssen? Das Blut? Auch soll Krebs zuletzt von dem Heerespersonalchef Burgdorf gesehen worden sein… Von solchen Unwägbarkeiten und von der Chance zur fantastischen Ausschmückung, die sich in den dunklen Winkeln der Geschichtsschreibung auftut, lebt Blumenbergs Dokudrama Die letzte Schlacht.

Es spielt, außer im Führerbunker, auch im Reichsluftfahrtministerium, in der Tiefgarage unter der Reichsbank, im sowjetischen Hauptquartier in Lichtenberg und in vielen grauen Häusern der Stadt. Denn der Fernsehfilm, der am 15. März im ZDF gesendet wird, will große Politik und kleines Einzelschicksal versöhnen, will das Befehlschaos, das Ende April 1945 von den Katakomben unter der Reichskanzlei ausging, mit der Konfusion, die im brennenden Berlin herrschte, zu einer stimmigen Endzeiterzählung verbinden. Stattdessen veranstaltet er jedoch ein wichtigtuerisches Nebenfigurengewimmel, das zur Erhellung historischer Zusammenhänge wenig beiträgt. Vergeblich werden die Haupt- und Staatsaktionen der Krebs, Bersarin, Tschuikow mit den Katastrophenerlebnissen bürgerlicher Trauerspielfiguren angereichert: der Fähnriche, Rundfunksprecher, Krankenschwestern, Chefmechaniker. Was der Telefonist gesehen hat, wird genauso ernst genommen wie sonst Hitlers letzte Wutausbrüche, wenn nicht noch ernster, jedenfalls taucht der Führer nur im Hintergrund auf, ein kränkliches Gespenst, das böse Gewissen des fast schon vom Faschismus befreiten deutschen Volkes.

In der Manier von Heinrich Breloers Fernsehporträt der Familie Mann kombiniert Blumenberg Zeitzeugenberichte mit fiktiven Spiel-szenen und originalen Kriegsbildern, wobei Letztere oft nicht verortet oder datiert werden, nur als Authentizitätssignal und Erregungsverstärker dienen. Die Zeugenaussage, die kein seriöser Historiker je für bare Münze nähme, die seit Spiegel TV aber zur unhintergehbaren Wahrheit avanciert ist, benutzt Blumenberg als Beweis und setzt sie mit der inszenierten Filmhandlung in ein absurdes Verhältnis wechselseitiger Beglaubigung. Fatalerweise ist der authentische Gehalt der Spielsequenzen (Hitler besucht am 20. April 1945, seinem letzten Geburtstag, das Bunkerlazarett) von dem womöglich hinzugedichteten Rest (an die Lazarettkinder werden Hakenkreuzfähnchen verteilt) kaum unterscheidbar. Wenn die Zeitzeugen dann auch noch in die fiktiven Szenen hineinreden, entsteht ein verlogener Hyperrealismus, dessen ästhetische Gediegenheit (die edle Farbigkeit, die dramatische Kamera und die sehenswerten Schauspieler Christian Redl, Tim Bergmann, Jörg Schüttauf, Anna Maria Mühe) nur den Verblendungszusammenhang stärkt. Kühn heißt es im Vorspann: "Dieser Film erzählt die wahre Geschichte einiger der Überlebenden." Die Insinuation lautet natürlich: Viele kleine "Wahrheiten" ergeben eine große. So ist es aber nicht.

Die letzte Schlacht, produziert in Guido Knopps ZDF-Geschichtswerkstatt, ist nur ein Beispiel für die problematische Gedenkanstrengung der öffentlich-rechtlichen Sender, die 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur nationalsozialistische Karrieren nacherzählen, sondern "endlich" die Leiden der Deutschen thematisieren wollen. Die SWR-Serie Hitlers Manager, der ZDF-Zweiteiler Der Sturm und die ZDF-Reportage Das Drama von Dresden, um nur einige zu nennen, sind bereits gelaufen, noch ausgestrahlt werden in der ARD unter anderem die Mehrteiler Hitlers Himmelsstürmer (vom 14. März an), 1945: Schlachtfeld Deutschland (vom 4. April an) sowie Speer und Er (vom 9. Mai an). Immerhin ist Blumenbergs wirres Episodenstück nicht halb so revisionistisch wie Knopps Ostpreußen-Melodram Der Sturm, das fliehende Deutsche auf klapprigen Leiterwagen zeigt, die von blutrünstigen Russen mit schwerem Geschütz verfolgt werden.

Aber der Film trägt zur Legendenbildung bei, indem er Gewissheit suggeriert, wo keine ist. Da wünscht man sich einen redlichen auktorialen Kommentator, der die geschwätzige Pseudoobjektivität des Dokudramas durchbräche und in dem von Gerüchten vernebelten Bunker Licht anknipste. Es genügte ja schon, zu erwähnen, dass bis heute nicht einmal die Verbrennung der Führerleiche einwandfrei bezeugt ist, geschweige denn der Suizid von Generalstabschef Krebs.