Kulturstaatsministerin Christina Weiss will die verstreuten Berliner NS-Gedenkstätten unter dem Dach einer Stiftung zusammenfassen. Was sie sich als bloß bürokratischen Akt vorstellt, der die Einzelstätten nicht berührt, bezieht sich jedoch auf einen Missstand, den spätestens die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals am 8. Mai grell beleuchten wird. Denn dem Mahnmal, das der Gesamtheit jüdischer Opfer gedenkt, entspricht auf der Täterseite keine Institution, die ähnlich die Totalität der Verbrechen dokumentiert.

Vielmehr zerfällt die Berliner Gedenkstättenlandschaft in ein wuseliges Neben- und Durcheinander konkurrierender Gedächtnisorte. Das sind die Topographie des Terrors auf dem Gelände des Prinz-Albrecht-Palais, das Haus der Wannseekonferenz, wo die Endlösung beschlossen wurde, und schließlich die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, in dem die Verschwörung des 20. Juli aufflog. Sie alle haben nur den einen Vorzug, dass sie am historischen Ort angesiedelt sind.

Nun werden sie aber mit dem Dokumentationszentrum unter dem Mahnmal ein Geschwisterchen bekommen, das mit seiner gänzlich anderen, nämlich pädagogisch-systematischen Anlage auf einen Schlag die Defizite der Einzelstätten klarmachen wird. Sie werden gar nicht anders können, als sich, weit über den Vorschlag von Christina Weiss hinaus, zu integrieren. Niemand wird fernerhin akzeptieren, dass er sich ein Gesamtbild von den nationalsozialistischen Verbrechen auf einer Rundreise durch die Stadt erst selbst basteln muss.

Das ist der Fluch der guten Tat, so könnte man vielleicht sagen, dass sie fortwährend Besseres muss zeugen. Aber so gut ist die Konzeption des Mahnmals und seines Dokumentationszentrums denn doch nicht. Es hat selbst Anteil an der Segmentierung des Gedenkens. Indem es sich auf den Mord an den Juden beschränkt, hat es die Konkurrenz anderer Opfergruppen aufgerufen. Auch die Sinti und Roma sollen ihr Mahnmal haben, und ihnen werden unweigerlich die Homosexuellen, die Euthanasieopfer, schließlich die Zwangsarbeiter folgen.

Und selbst wenn diesen allen angemessen und ohne falsche Behauptung einer Opferhierarchie gedacht werden sollte, wird es zu weiterer Segmentierung kommen. Schon ist offenbar geworden, dass sich mit Sinti und Roma keineswegs alle Zigeuner gemeint fühlen können. Da sie aber auch als Zigeuner nicht bezeichnet werden wollen, hat Christina Weiss für die Mahnmalsinschrift den englischen Ausdruck Gypsies vorgeschlagen.

Weiter lässt sich der Unfug kaum treiben. Er wird andauern, solange unsere Gedenkpraxis sich an den politischen Empfindlichkeiten der Gegenwart orientiert. Umso drängender wird die Aufgabe für die zu gründende Stiftung, ihrerseits der Erinnerungskonkurrenz zu entkommen und den Zusammenhang der deutschen Ausrottungspolitik zu zeigen. Ein pädagogischer Nebeneffekt könnte darin bestehen, wenigstens in der Erinnerungspolitik die Fortsetzung der nationalsozialistischen Selektionslogik zu vermeiden.