Deutschlands Frühjahr ist ein Winter. Es gibt 5,2 Millionen Arbeitslose, die Zahl regulärer Jobs sinkt stetig, alle reden von einer neuen Unterschicht. Niemand kann sagen, Politiker seien untätig gewesen. Sie haben Steuern gesenkt, das Sozialsystem gekappt und Konzerngewinne sprudeln lassen. Geholfen hat es nicht. Nun spricht aus ihren Beschwörungen ein neuer Ton, der Fistelton der Ohnmacht. Es ist die Wirtschaft. Sie spielt Schicksal.

Das Wort "Schicksal" besitzt einen dunklen Klang. Kaum ein Wort wurde so oft in Misskredit gebracht, keines so oft aus dem Sprachschatz entfernt und vertrieben. Doch noch folgte der Abschaffung des Schicksals stets dessen prompte Wiederkehr. Dabei meinte die Rede vom Schicksal nicht allein das blinde Walten dunkler Mächte, sondern auch das, was Menschen selbst ins Werk setzen: die Undurchdringlichkeit ihrer eigenen Verhältnisse und die weltlichen Mächte der Gesellschaft. Kaum anderes meinte Goethe mit seiner berühmten Bemerkung gegenüber Napoleon, in der Neuzeit sei "die Politik" zum Schicksal geworden.

Zweihundert Jahre später scheint das Schicksal abermals die Gestalt gewechselt zu haben. Nicht mehr die Politik wird als Fatum empfunden, sondern die waltende Macht der Wirtschaft, die allen Bürgern ihren Willen aufzwingt – unentrinnbar, undurchdringlich und anonym. Die Ökonomie ist Anfang und Ende, Furcht und Hoffnung. Sie droht und schmeichelt, belohnt und bestraft. Sie schenkt Arbeit und Wohlstand. Und entzieht ihn wieder.

Melancholiker flüchten in die schützenden Arme der Tradition

"Schicksal" bezeichnete einmal den Zwang, sich dem Lauf der Dinge unterwerfen zu müssen. Heute bedeutet es Anpassung an die Naturgesetze der Globalisierung. Die Götter des Kapitals müssen gnädig gestimmt und ihre Gunst durch Opfer erkauft werden. Denn wenn die "Bedingungen nicht mehr stimmen", brechen Unternehmen die Zelte ab und ziehen ein Land weiter. Derzeit wandert die Ökonomie der Sonne entgegen, von West nach Ost. Wenn nicht Polen, dann Moldawien. Opel Astra. "Was dagegen?"

"Demokratische Politik ist die Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse auf Basis von Rechtsstaat und Willensbildung." So oder so ähnlich liest es der Schüler in zerschlissenen Schulbüchern, die in Zeiten leerer Kassen nicht ersetzt werden. Politische Gestaltung? Tatsächlich wachsen die unkontrollierten Zonen, in denen Regierungshandeln sich in der Anpassung an die mutmaßlichen Wünsche siegessicherer Investoren erschöpft. Die Urfrage des Politischen – "Wer entscheidet?" – wird immer weniger von gewählten Politikern, dafür immer mehr von nicht gewählten Konzernen beantwortet. Als höchste Form politischer Vernunft gilt es, die Himmelszeichen der Ökonomie richtig zu deuten. Kaum legt General Motors die Stirn in Falten, spendet Schwedens Regierung in Trollhättan Autobahn und Gleisanschluss, und alles vom Feinsten. In Polen zahlt GM zehn Jahre lang keine Steuern.

Die Ökonomie handelt nach ihrem eigenen Gesetz, nach der Logik von Steigerung und Selbstverwertung. Der Satz, die Wirtschaft sei für den Menschen da und nicht umgekehrt, gilt nicht mehr. Damit verlieren die Zauberworte der Moderne, Selbstbestimmung und Politik, ihren Glanz. Die Lieblingsmelodie der Aufklärung – "Wo Schicksal war, soll Freiheit werden" – klingt plötzlich hohl und leer.

Es ginge nicht mit rechten Dingen zu, wenn diese Ernüchterung nicht bei Schriftstellern und Intellektuellen ihren Niederschlag fände. Und in der Tat – wenngleich noch schemenhaft, hinterlassen die scheinbar unbezwingbare Macht der Wirtschaft und die Entzauberung der Politik im kulturellen "Establishment" ihre Spuren. Aber welche?