Kulturelle Eliten In den Stahlgewittern des KapitalismusSeite 6/6

Das heißt nun nicht, wir könnten auf Melancholiker und Tragiker verzichten, sobald der kurze Sommer des Konsums hereinbricht und Deutschland Fußballweltmeister wird. Vor allem die Melancholiker sollten uns lieb und teuer sein, gehören sie doch zu den wenigen, die zu Skepsis und Kritik fähig sind. Sie lieben die Besonderheit des Besonderen und haben einen siebten Sinn für die mediale Banalisierung der Kultur – für all das, was im öffentlichen Phrasenstrom versinkt.

Und der Tragiker? Er pflegt sein Ressentiment gegen Kritik, besitzt eine ausgeprägte Neigung zum Opportunismus und verherrlicht die Macht als die einzige Wahrheit, die im Leben wirklich zählt. Was das angeht, ist er unbelehrbar und steht bereits mit einem Bein im Sumpf des Sozialdarwinismus. Deshalb sind auch sein kapitalistischer Realismus und das Lob der Härte nichts, was man sich merken sollte. Dafür spürt der Tragiker instinktiv Schönfärberei und Betrug, wenn im Namen einer höheren Sittlichkeit niedere Interessen durchgesetzt werden. Er kennt das Unmoralische an der Moral und den faulen Frieden, der Gegensätze nicht versöhnt, sondern unter den Teppich kehrt. Und er wittert den Sozialkitsch, noch bevor die Akteure ihre rote Fahne entrollt haben.

Aber »Wiederkehr der Tragik«? Das nun wirklich nicht. Es gibt genug davon, genug Schicksal und Verwerfung, genug Leid und Gewalt. Wer mehr davon möchte, soll ins Theater gehen.

 
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