Die Frau mit dem schmutzigen Sweatshirt, den zerwühlten Haaren und eingefallenen Wangen bot einen herzzerreißenden Anblick. Trotzdem gab es in Frankreich ein gewaltiges Aufatmen, als Ende Februar per Video das erste Lebenszeichen von Florence Aubenas kam. Fast zwei Monate lange hatte es kein Lebenszeichen von der Reporterin der Pariser Tageszeitung Libération gegeben, die am 5. Januar mit ihrem Begleiter Hussein Hannoun in Bagdad entführt worden war. Doch die Freude darüber, dass die Journalistin noch am Leben war, schlug schnell in allgemeines Entsetzen um. Ich bin krank, meine geistige Verfassung ist schlecht, flehte die Geisel. Deshalb bitte ich den französischen Abgeordneten Didier Julia, mir zu helfen.

Didier Julia? Der 70 Jahre alte Hinterbänklers aus Fontainebleau, der seit drei Jahrzehnten für die französischen Konservativen im Parlament sitzt, hatte bereits in der vorangegangenen Geiselaffäre eine Rolle gespielt - allerdings keine gute. Als kurz vor Weihnachten die beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot nach viermonatiger Geiselhaft im Irak wieder in Paris eintrafen waren, erhoben sie schwere Vorwürfe gegen den selbst ernannten Vermittler Julia. Als letztes Überbleibsel der proirakischen Lobby im Pariser Parlament, das auch nach dem ersten Golfkrieg den Kontakt mit dem Saddam-Regime nicht abgebrochen hatte, war Julia mit zwei Mittelsmännern wochenlang im Nahen Osten unterwegs gewesen, um die beiden Geiseln auf eigene Faust freizubekommen. Wer ist dieser Verrückte, schimpften Malbrunot und Chesnot nach ihrer Heimkehr, der die Arbeit der Geheimdienste sabotiert und unsere Freilassung gefährdet hatte?

Sofort wurde Julia von französischen Sicherheitsbehörden in die Mangel genommen, doch seine parlamentarische Immunität blieb merkwürdigerweise unangetastet. Über sein Wirken und seine Kontakte herrscht seitdem Stillschweigen. Premier Raffarin hat den verschlagenen Sonderling lediglich aufgefordert, jede Einmischung in die Arbeit der französischen Auslandsdienste zu unterlassen. Dass Julia bislang ungeschoren blieb, könnte daran liegen, dass er weniger ein Saboteur als ein Spinner und Wichtigtuer ist, der die radikale Wende in der französischen Diplomatie immer noch nicht mitbekommen hat. Denn durch Frankreichs Abkehr vom Appeasement gegenüber arabischen Schurkenstaaten hin zu einer kompromisslosen Terrorbekämpfung Mitte der neunziger Jahre sind solche diplomatischen Hasardeure längst überflüssig geworden.

Gleichwohl nährt die Erwähnung von Julias Namen in der Videobotschaft eine neue Sorge: dass die Geiselnehmer abermals auf die französische Politik Einfluss nehmen wollen. Die erste Entführung sollte die Rücknahme des Kopftuchverbots in französischen Schulen erzwingen. Weil es im Fall von Florence Aubenas bislang keinerlei Lösegeldforderung gibt, fürchtet Frankreich, die Terroristen könnten es diesmal auf die neue französisch-amerikanische Entente in der Nahostpolitik abgesehen haben. Und als Vermittler dieser Erpressung setzen sie womöglich auf Didier Julia - dessen politische Bedeutungslosigkeit sich wohl noch nicht bis in den Irak herumgesprochen hat. Bei den Entführungen italienischer Geiseln waren die Terroristen zuletzt von politischen schnell auf finanzielle Forderungen umgeschwenkt. Frankreichs Gegnerschaft zum Irak-Krieg aber verleitet sie offenbar zu dem Fehlschluss, sie könnten Paris - auch dank solcher Fossile wie Didier Julia - immer noch als heimlichen Sachwalter ihrer Interessen einspannen.