Komm mir ja nicht mit einem Kind nach Hause!", pflegte meine Mutter zu uns Töchtern zu sagen, mit dem komischsten Augenverdrehen. "Mach uns keine Schande!", kicherte sie, "solche Sachen sagte Opa früher zu uns." So etwas hätte meine Mutter nie zu den eigenen Töchtern gesagt. Sie zitierte lieber Opa.

Kein Kind! Wie viele Arten gibt es in Deutschland, das zu sagen? "Man sollte sich doch erst selber verwirklichen", sagt der Vater von Antje, die in München studiert und 27 Jahre alt ist, im besten Empfängnisalter, mit dem liebevollsten Freund ausgestattet, einer Wohnung von 90 Quadratmetern, von den Eltern finanziert wie das Auto. Aber ein Kind? "Wir machen erst mal Examen", sagt Antje.

Franzi, die Betriebswirtin, hat Examen. Und geheiratet. Gerne möchte sie Kinder, aber "jetzt muss auch ich mal eine feste Arbeit finden", sagt Franzi, "es soll ja nicht alles umsonst gewesen sein".

Nele hat Examen, einen Mann, seit neuestem sogar Arbeit. In der Werbung, der tollste Job, in Frankfurt. Das ist gut drei ICE-Stunden von Hamburg entfernt. An den Wochenenden muss die Partnerschaft aufgepäppelt werden. "Mal abwarten", sagt Nele, die 34 ist und hart an der Grenze, oberhalb deren über Kinder zu diskutieren sinnlos ist.

Erst mal, später, vielleicht. So viele und mehr Arten gibt es, "kein Kind" zu sagen. "Meine Eltern haben mir eingebläut, fleißig zu studieren, für die Karriere. Hätten sie mir mal geraten, auch Kinder zu planen", sagt eine Architektin bitter, die mit ihren 40 Jahren zu den beäugten Kinderlosen gehört. Bisschen ungerecht. Was sollten Eltern ihren Kindern raten? Mehr Mut? Zu verhütungsloser Lust? Kühnem Zukunftsvertrauen in den Hartz-IV-Staat?

Wollte man Antje nahe legen, in Ermangelung von Krippen und Ganztagsschulen, für ein Kind ihr Studium an den Nagel zu hängen? Sollte Franzi eine Ausbildung im Werte von 200000 Euro riskieren, um Kinderwagen zu schieben – schlechter abgesichert als der Ein-Euro-Job? Will man Nele wirklich als alleinerziehende Mutter in Frankfurt sehen, Baby versorgend, ihre 50 Stunden in der Werbeagentur aufstockend zu einem privaten 80-Stunden-Job? Schon mal von den Depressionsraten der Doppelbelasteten gehört? Geht einer davon aus, dass Neles Mann sich um diesen Job bewirbt? Dass die Beziehung unter diesen Bedingungen hält? Hat hier jemand die Armutsstatistik der letzten Woche verpasst, nach der ein Drittel der Alleinerziehenden mit Kindern in die Bedürftigkeit abrutscht? Weil Deutschland kein Land ist, in dem man gleichzeitig Kinder haben und sie auch ernähren kann.

Es gibt fast ein halbes Jahrhundert Erfahrung mit der Kinderlosigkeit der Akademikerin. Die deutsche Akademikerin eignet sich nicht besonders gut zur Mutterschaft, wie man seit den siebziger Jahren weiß, als studierte Frauen gerade mal zwei Prozent der weiblichen Bevölkerung ausmachten – und schon die höchste Kinderlosigkeit hatten. Wen interessierte die Fortpflanzung von Blaustrümpfen? Ein Fehler – rückblickend zeigt sich, dass Deutschland schon bei den Jahrgängen 1960 die meisten kinderlosen Frauen in Europa hat. Das Problem sind weniger Frauen als Frauen in Kombination mit Männern, kurz: unmodernes Paarungsverhalten, wie das Institut für Weltbevölkerung festgestellt hat.

Der qualifizierte deutsche Mann kann zwar eine Partnerin auf gleicher Augenhöhe heiraten – nimmt aber gerne die Sekretärin. Oder: eine Doktorandin. Der Mann mit Uni-Abschluss entscheidet sich für eine von der PH. Wer Arzt ist, lernt ja so viele Krankenschwestern kennen. Für Ärztinnen aber kommt ein Pfleger gar nicht infrage, es sei denn, sie wollen sich als sexuell bedürftig lächerlich machen.