Es war ein unerfreulicher Aufenthalt in der City von London, dem größten Finanzplatz Europas. Dort, wo jeden Tag hektisch Geschäfte über Billionen von Euro, Dollar und britischem Pfund abgeschlossen werden, kommt sich jeder überflüssig vor, der einfach nur wartet. So wie vergangene Woche Werner Seifert, der Chef der Deutschen Börse.

Seifert hatte sich den ganzen Mittwoch und Donnerstag reserviert, um seine kritischen Aktionäre, die Manager großer Investment- und Pensionsfonds, doch noch für die Übernahme der London Stock Exchange (LSE) zu gewinnen. Doch die ließen die verabredeten Termine einfach platzen. Da dämmerte dem Jazzliebhaber, dass er mit seinem Vorhaben endgültig gescheitert war. Sonntagnachmittag traf er sich mit den anderen Vorständen im Hauptsitz der Börse in Frankfurt-Hausen zu einer außerordentlichen Sitzung und blies die Übernahme ab.

Für die Aktionäre ein Sieg auf der ganzen Linie – und ein Präzedenzfall für den Finanzplatz Deutschland.

Börsenchef Werner Seifert hat seine Gegner unterschätzt

Noch nie haben sich in Deutschland Anteilseigner so massiv in die Unternehmensstrategie eingemischt und selbst darüber entschieden, was mit ihrem Geld passieren soll. Noch nie wurde ein Aufsichtsrat als Organ der Gesellschaft, das die Aktionärsinteressen und die des Unternehmens vertreten soll, so vorgeführt. Hatte das Kontrollgremium Seifert nicht bis zuletzt vehement unterstützt?

Bislang handelten Aktionäre hierzulande immer nach dem gleichen Muster. Passte ihnen der Kurs des Unternehmens nicht, verkauften sie ihre Aktien. Nicht so die beiden spekulativen Fonds TCI und Atticus, die erst nach Bekanntwerden des Übernahmeplanes der Börse im Dezember ihre Anteile auf 7,5 und 5,5 Prozent aufstockten – und dann Stimmung gegen den Kauf der LSE machten. Werner Seifert, der zwar gern den Shareholder-Value im Mund führt, dabei jedoch in erster Linie an die hohe Rendite denkt, die er als Unternehmenschef für seine Aktionäre erwirtschaftet, ging weder auf ihre Forderungen nach einer außerordentlichen Hauptversammlung ein – auf der die Aktionäre über die Übernahme hätten abstimmen können –, noch suchte er das Gespräch mit seinen rebellischen Anteilseignern.

"Bemerkenswert", staunt Christian Strenger, als Ex-DWS-Chef ehemals Deutschlands größter Investor, "wie sich die Aktionäre eingemischt haben." Künftig würden sich Aufsichtsräte und Vorstände in Deutschland ein besseres Bild über die Stimmung der Anteilseigner machen, sagt Strenger, der heute Aufsichtsratschef verschiedener Gesellschaften ist und in mehreren Corporate-Governance-Kommissionen sitzt, die die Regeln für eine angemessene Unternehmensführung vorgeben.

"Der Fall Deutsche Börse wird für die börsennotierten Aktiengesellschaften eine ähnliche Signalwirkung haben wie die feindliche Übernahme Mannesmanns aus dem Ausland vor sechs Jahren", glaubt auch der Frankfurter Rechtsprofessor und Experte für Corporate Governance, Theodor Baums. Die Macht der Finanzaktionäre sei unaufhaltsam auf dem Vormarsch.