Die London Stock Exchange kontrolliert den britischen Aktienmarkt – den größten Europas –, die Euronext organisiert den Börsenhandel in Frankreich und drei weiteren Ländern – und trotzdem setzt die Deutsche Börse mehr Geld um als die beiden Konkurrenten zusammen: Im vergangenen Jahr kassierte sie immerhin 1,45 Milliarden Euro an Gebühren und Provisionen. Die Euronext hatte im selben Jahr nur 887 Millionen Euro Umsatz und die London Stock Exchange gar nur mickrige 250 Millionen Euro.

Auch als Unternehmen ist die Deutsche Börse an der Börse höher bewertet als ihre Konkurrenten, ja sogar höher als jede andere Börse der Welt. Der Kapitalmarkt bewertet das Frankfurter Unternehmen mit 6,4 Milliarden Euro; die Euronext ist dagegen mit 3,6 Milliarden Euro nur halb so viel wert und die London Stock Exchange mit 2,2 Milliarden Euro sogar nur ein Drittel.

Das verblüfft, denn die Deutsche Börse arbeitet auf dem kleinsten Heimatmarkt. Die Marktkapitalisierung aller börsennotierten deutschen Unternehmen lag Ende 2004 bei 1,2 Billionen Euro. Die vier Märkte der Euronext dagegen waren mit 2,4 Billionen Euro doppelt so groß, der britische Markt mit 2,8 Billionen Euro sogar noch größer.

Deshalb ist die Londoner Börse im europäischen Aktienhandel ein Gigant. Im Jahr 2003 kontrollierte sie 36 Prozent des europäischen Aktienhandels, die Deutsche Börse und Euronext kontrollierten jeweils nur 19 Prozent beziehungsweise 13 Prozent.

Weil sie sich auf den Aktienhandel beschränkt, ist die London Stock Exchange jedoch ein wirtschaftlicher Winzling. Die Deutsche Börse hingegen macht fast 70 Prozent ihrer Umsätze mit der Derivate-Handelsplattform Eurex und der sehr lukrativen Abwicklung von Wertpapiergeschäften über die Tochter Clearstream. Die Euronext, die Börsen in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris betreibt, hat sich in den vergangenen Jahren ähnlich breit aufgestellt wie die Deutsche Börse, erreicht aber dennoch nicht die hohen Umsätze und Gewinne des deutschen Konkurrenten.

Ob klein oder groß – lukrativ scheint das Börsengeschäft allemal. Bei der Deutschen Börse blieben 2004 mit 266 Millionen Euro rund 18 Prozent des Umsatzes als Gewinn hängen und bei der London Stock Exchange mit 63 Millionen Euro sogar rund 25 Prozent. Die Euronext, die ihre Zahlen für 2004 erst am Dienstag vorlegt, erreichte 2003 bei einem Umsatz von 991 Millionen Euro eine Netto-Umsatzrendite von 21 Prozent.

Die hohen Umsätze und Gewinne werden bei den Unternehmen von relativ wenigen Mitarbeitern erbracht. Ende 2003 beschäftigte die Deutsche Börse 3.049 Menschen, bei der London Stock Exchange arbeiteten 522 Börsianer und bei der Euronext 2.726. Bei Deutscher Börse und LSE entfielen im vergangenen Jahr auf einen Mitarbeiter in etwa der gleiche Umsatz: knapp 480.000 Euro. Bei der Euronext waren es pro Mitarbeiter 350.000 Euro. Tobias Kaiser