Er hatte die Revolution im Sinn. "Hierarchische Gesellschaften funktionieren nur auf der Basis von Armut und Ignoranz", sagte der Schriftsteller George Orwell Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Seine Landsleute sollten aufstehen und das Joch der Klassengesellschaft abwerfen. Doch daraus wurde nichts. Nahezu überall in Europa versuchten sich die Menschen im 20. Jahrhundert an der Umsetzung einer politischen Utopie, immer wieder und mit wechselndem Erfolg. Nur die Briten hielten stoisch an ihrer Demokratieformel fest – und an der Klassengesellschaft, die ihr zugrunde lag.

Heute spielen soziale Unterschiede in Großbritannien eine wesentlich größere Rolle als in anderen westlichen Ländern. Auch der Wohlstand ist extrem ungleich verteilt. Zu Beginn dieses Jahrtausends besaß ein Prozent der Bevölkerung 23 Prozent des gesamten Vermögens. Gleichzeitig lebten 12,4 Millionen Briten unterhalb der Armutsgrenze, das sind 22 Prozent der Bevölkerung.

Ähnlich sieht es bei anderen Armutsindikatoren aus, beim Analphabetismus zum Beispiel. Ende der neunziger Jahre zählte ein Regierungsbericht 15 Millionen Briten, deren Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen auf dem Stand eines elfjährigen Kindes waren. Im internationalen Vergleich gelten somit 22 Prozent der britischen Erwachsenen als Analphabeten. In Deutschland sind es 14 Prozent.

Auch in der internationalen Statistik der Teenager-Schwangerschaften liegt Großbritannien weit vorn. In der Gruppe der unter 16jährigen Mädchen waren 2001 über 13000 schwanger, das sind zwölf Prozent mehr als im EU-Durchschnitt.

So erschreckend diese Zahlen sein mögen, sie müssen in Zusammenhang mit der historischen Entwicklung betrachtet werden. Im Mittelpunkt der britischen Gesellschaft stand stets das Individuum. Auch der wirtschaftliche Aufstieg im 18. und 19. Jahrhundert gelang auf der Basis einer demokratischen Gesellschaftsordnung, die den Einzelnen und sein Eigentum ins Zentrum rückte.

Die Vorstellung vom "Vater Staat", dem Staat als fürsorglicher Institution, aus deren Hand dem Bürger nur Gutes widerfährt, ist den Briten fremd. Was den Sozialstaat auf dem Kontinent auszeichnet, hat er in Großbritannien nie geleistet. Deswegen ist, wer dort in relativer Armut lebt, aber noch lange nicht sozial ausgeschlossen. Im Gegenteil. Zur Arbeiterklasse zu gehören ist mehr als nur eine soziale Realität. Es ist identitätsstiftend.

Zwei Drittel aller britischen Erwachsenen gaben bei einer Umfrage an, dass sie sich als Arbeiter begreifen – und dass sie stolz darauf sind. "Immer mehr Menschen berufen sich auf ihre sozialen Wurzeln im Arbeitermilieu, obwohl der durchschnittliche Wohlstand ständig steigt und ihnen der Aufstieg in die untere Mittelschicht gelingt", meint Roger Mortimore vom Meinungsforschunginstitut Mori.

22 Prozent der Erwachsenen gelten als Analphabeten