Es stand auf Seite eins, aber Bild hatte nicht übertrieben: Der Historiker Rainer Karlsch behauptet tatsächlich, die Nazis hätten kurz vor Kriegsende erfolgreich Kernwaffen getestet. Der Verlag seines in der kommenden Woche erscheinenden Buches sattelt drauf: Hitler "stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen". Die These ist nicht neu. Sie stammt aus der Verschwörungsliteratur. Neu wäre ein Beleg.

Als in der DDR ausgebildeter Historiker verfügt Karlsch über russische Sprachkenntnisse und Kontakte zu Moskauer Archiven. Dort könnte er interessante Dokumente über deutsche Physiker ausgegraben haben; Historiker werden das nachprüfen. Bomben bestehen freilich nicht aus Papier. Atomtests kann man physikalisch nachweisen, auch nach 60 Jahren. Nun gut, Karlsch hat Bodenproben prüfen lassen – doch ausgerechnet von einer Physikertruppe, die sich mit ihrer Behauptung lächerlich gemacht hat, die junge Bundesrepublik habe heimliche Atomwaffenversuche unternommen. Mittlerweile nahm zwar auch ein Wissenschaftler Proben, der einen Ruf zu verlieren hat – aber seine Vorab-Ergebnisse stehen noch aus, und Aufschluss darüber, was wirklich geschah, wird er erst in einem Jahr erhalten. Egal: Das Buch musste raus.

Karlsch weiß, dass es den Nazis für eine Uranbombe am Spaltstoff mangelte. Also spekuliert er, sie hätten mit herkömmlichem Sprengstoff Kernfusionen wie in einer Wasserstoffbombe ausgelöst. Blanker Unsinn. Um Kerne zum Verschmelzen zu zwingen, sind sogar heutzutage Nuklearzünder, fußballfeldgroße Laser oder extreme Magnetfelder vonnöten. Auch eine "Kombiwaffe" (Spaltung plus Fusion) war für die Nazis unerreichbar. Gewiss, deutsche Physiker brachten damals Berechnungen zu Papier, die sich später für amerikanische Bombenprogramme als nützlich erwiesen. Aber Karlsch scheint zweierlei zu übersehen: Erstens hatten die Beteiligten ein Interesse, als kriegswichtig und damit unabkömmlich eingestuft zu werden (und heute, sofern sie noch leben, wollen sie in die Physikgeschichte eingehen). Zweitens besteht das einschlägige Wissen überwiegend nicht aus Zeichnungen oder Formeln, sondern aus technischem Gewusst-wie, das über große Kollektive verteilt ist. Es aufzubauen hat in Amerika Jahre und Milliarden verschlungen. Und noch einmal Milliarden und Jahre, um Atombomben so zu miniaturisieren, dass sie auf Raketen passten – doch Karlsch zufolge fingen die Deutschen gleich mit dem Schwierigsten an, mit "taktischen Waffen". Darauf angesprochen, entgegnet er: "Nennen Sie es taktische Waffe oder Versuchsanordnung, das ist doch egal." Von wegen! Aber die Antwort lässt tief blicken.