Je weiter historische Ereignisse zurückliegen, umso wildere Spekulationen ranken sich darum. Daher ist das Zeugnis derjenigen, die aus eigenem Erleben Auskunft geben können, so unverzichtbar. So gesehen, geht mit dem Tod des Atomphysikers Hans Bethe eine Epoche zu Ende: Der 1906 in Straßburg geborene, 1933 vor den Nazis geflohene und vergangenen Sonntag im amerikanischen Ithaca gestorbene Bethe war die letzte lebende Schlüsselfigur des "Manhattan-Projekts". Gemeinsam mit Robert Oppenheimer, Enrico Fermi und Edward Teller hatte er während des Zweiten Weltkriegs die Atombombe entwickelt und damit das Nuklearzeitalter eingeläutet.

Exemplarisch erzählte Bethes Leben nicht nur von der goldenen Ära der Physik (für die Erklärung der Fusionsvorgänge im Inneren von Sternen erhielt er 1967 den Nobelpreis), sondern auch von der Verantwortung des Wissenschaftlers. Angesichts des Schreckens von Hiroshima und Nagasaki wurde Bethe zum Anwalt einer nuklearen Abrüstung. Er bekämpfte den Bau der Wasserstoffbombe, den sein einstiger Freund Teller vorantrieb, und wandte sich vehement gegen Reagans Plan eines Raketenabwehrsystems im All ("Star Wars"). Dass diese Pläne von George W. Bush heute reaktiviert werden, zeigt, wie dringend Wissenschaftler vom Format und der moralischen Integrität eines Hans Bethe gebraucht werden.Ulrich Schnabel