Er ist der grünste Coach der Bundesliga, sein Verein trainiert in der grünsten Stadt Deutschlands. Volker Finke hat mit knappstem Budget eine sympathische und multikulturelle Mannschaft geformt. Leider spielt der SC Freiburg nicht gut und steigt diese Saison mal wieder ab. Alles wie immer also, könnte man meinen. Doch diesmal verzeihen Fans und Medien Volker Finke den Abstieg nicht - sie fordern die Entlassung des als unentlassbar geltenden Trainers. Dabei hat Finke sich nicht geändert. Geändert haben sich die Maßstäbe: Gut gemeint reicht nicht mehr. Auf gute Absichten gibt es keinen Kredit mehr, nicht mal mehr moralischen.

So ähnlich wie Finke und seinem SC Freiburg geht es derzeit den Grünen. Gut zwei Monate nach Beginn der Visa-Affäre und elf Wochen vor der entscheidenden Abstimmung in Nordrhein-Westfalen wirken die Grünen immer noch, als seien sie in eine Art Parallelwelt geraten, als könnten sie nicht fassen, dass das, was sich derzeit auf der bundespolitischen Bühne abspielt, tatsächlich ihnen selbst passiert.

Mit Wucht hat die Rekordzahl von 5,2 Millionen Arbeitslosen die Regierung getroffen und alle anderen zum Thema weggedrängt. 5,2 Millionen, diese Zahl stellt die Wahlkampfstrategie in Nordrhein-Westfalen auf den Kopf, wo die SPD auf Bildung, Innovation und die friedfertige Gesellschaft setzen wollte, sie beendet die Hoffnung der Bundes-SPD, sich auf den Leistungen des vergangenen Jahres ausruhen zu können, und sie stellt die unausgesprochene Abmachung infrage, auf der das rot- grüne Regierungsbündnis aus Sicht der SPD basierte: Ihr macht mit, und wir geben euch dafür ein paar Spielwiesen.

Die Grünen haben sich selbst stets als Reformmotor gesehen. Von der SPD und weiten Teilen der Bevölkerung jedoch wurden sie als Dekoration empfunden. Nun funktioniert die alte Rollenverteilung nicht mehr, mehr noch, sie diskreditiert die Regierung. Denn das Spielen selbst, das Leichte, Dekorative, Nebensächliche ist in Misskredit geraten. Statt abzulenken, lenkt es den Blick auf das Hauptproblem der Regierung: Es gibt mehr Garnitur als Substanz, seit Anfang des Jahres herrscht im Zentrum der Regierungspolitik ein Vakuum.

Er wolle sich an der Zahl der Arbeitslosen messen lassen, hatte Gerhard Schröder bei Amtsantritt erklärt. Inzwischen ist die Arbeitslosigkeit um fast eine Million gestiegen, auch wenn man den statistischen Anstieg durch Hartz IV abzieht. Gleichzeitig traut jüngsten Umfragen zufolge nicht mal jeder fünfte Deutsche den Sozialdemokraten die richtige Sozialund Wirtschaftspolitik zu.

Die SPD reagiert mit Rundumschlägen, vorzugsweise gegen die Grünen. Mal machen Ministerpräsidenten wie Matthias Platzeck oder Peer Steinbrück via Fernsehen Front gegen das Antidiskriminierungsgesetz. Mal erklärt der Thüringer Christoph Matschie, die SPD fühle sich als Opfer der Visa-Affäre.

Mit den Worten wir sind weltoffen, aber nicht doof versuchte Olaf Scholz dem Eindruck entgegenzutreten, die SPD habe in der Visa-Affäre die Sicherheit vernachlässigt und Schwarzarbeiter importiert. Beabsichtigt oder nicht - das Publikum dechiffriert die Botschaft so: Die SPD ist weltoffen, doof sind die Grünen. Doch im Eindreschen auf den Koalitionspartner spiegelt sich auch die sozialdemokratische Ratlosigkeit und der Selbsthass der SPD wider: Denn die kleine Verschnaufpause nach Hartz IV ließen SPD und Regierung untätig verstreichen.