Es ist seit je das Vorrecht großer Mächte, ohne zu erröten, mit zweierlei Elle zu messen. Quod licet Iovi, non licet bovi, sagten die alten Römer: Was Jupiter darf, darf der Ochse noch lange nicht. Zu allen Zeiten hängen die Mächtigen - wie jetzt die Amerikaner in dem neuesten Menschenrechtsbericht des State Department - einer Doppelmoral an.

Nach den ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen in Abu Ghraib, der fortdauernden Rechtsverweigerung gegenüber den Häftlingen in Guantánamo und selbst gegenüber amerikanischen Staatsangehörigen klingen die Anklagen des State Department gegen viele Menschenrechtsverletzer schlankweg heuchlerisch.

Sie stimmen ohne Zweifel, doch mit welcher Glaubwürdigkeit kann die US-Regierung Folterpraktiken und willkürlichen Verhaftungen anprangern, die ihr Verteidigungsminister und die Rechtsberater des Präsidenten den eigenen Militärs und Geheimdiensten freigestellt haben?

Es ist schon ziemlich komisch, dass der Bericht dem gegenwärtigen Regime im Irak willkürliche Lebensberaubung (ein Euphemismus für Mord) und Folter vorwirft: als übten die Amerikaner nicht die oberste Gewalt im Irak aus (und als hätten sie es ihren willigen Nachahmern nicht in Abu Ghraib vorgemacht).

Nicht mehr komisch ist es jedoch, wenn die Amerikaner Länder wegen Gefangenenfolterung an den Pranger stellen, denen ihr eigener Geheimdienst Verdächtige überstellt, damit sie dort in die scharfe Frag genommen werden können, wie das im Mittelalter hieß. Solche Auslagerungen - Outsourcing - der Folter habe es in hundert bis hundertfünfzig Fällen gegeben, berichtet glaubwürdig die New York Times. Angeblich geschah dies zur Entlastung des eigentlich zuständigen amerikanischen Personals. Vielleicht auch des eigentlich zuständigen eigenen Gewissens?