Ein schreckliches Verbrechen: Eltern ließen ihre siebenjährige Tochter verhungern. Kein Außenstehender bemerkte etwas, weder die Bekannten der Eltern noch ihre Verwandten, noch die Nachbarn in dem siebenstöckigen Hochhaus, noch die Hamburger Schulbehörde, die sich von Gesetzes wegen eingeschaltet hatte, nachdem das Mädchen nicht zum Einschulungstermin erschienen war. Die Eltern hielten Jessica in der Wohnung gefangen und bauten um ihre Familie eine undurchdringliche Mauer.

Mit dem Tod des Mädchens tauchen die immer gleichen Fragen auf: Hätte sein Sterben verhindert werden können? Wer hat versagt? Und mit diesen Fragen setzt sofort das öffentliche Ritual eilfertiger Deutungen und gegenseitiger Schuldzuweisungen ein: Neben den Eltern ist die Gesellschaft schuld, das allgemeine Elend, der Staat.

Doch Jessica war kein Opfer wachsender Armut und fehlender staatlicher Hilfe. Zwar lebten die Eltern von Sozialhilfe und wohnten in einem von Arbeitslosigkeit und Gewalt besonders gebeutelten Stadtteil. "Hier in Hamburg-Jenfeld", sagte der Pastor am vergangenen Sonntag in einem evangelischen Gedenkgottesdienst, "gehen die Menschen besonders oft zu Boden." Doch die staatliche Stütze hätte gereicht, um Jessica auskömmlich zu ernähren; der Vater verdiente als Maler nebenbei sogar schwarz dazu. Zudem sind der Staat, die Kirche und private Organisationen in Jenfeld besonders aktiv. Jessicas Eltern mangelte es nicht an Geld und nicht an Möglichkeiten, Hilfe zu erhalten. Ihnen fehlte jede Empathie, jedes Elterngefühl, jede menschliche Wärme. Aus welchem Grund auch immer – sie waren zu ihrem Kind kalt wie Eis.

Die Behörden haben auch nicht tatenlos zugeschaut. Sie hatten vielleicht einen Tunnelblick, zu routinemäßig nach Schema F gearbeitet und nicht für möglich gehalten, was sich da zusammenbraute – aber die Hände in den Schoß gelegt haben sie nicht.

Als Jessicas Eltern im Januar 2004 nicht zur Schulanmeldung erschienen, reagierte der Schulleiter sofort. Dreimal hat er ihnen geschrieben, neue Termine vereinbart und sogar einen Schüler gebeten, bei der Familie vorbeizuschauen. Da niemand in der Nachbarschaft von dem Mädchen wusste, informierte der Direktor die Schulbehörde. Auch sie wurde tätig und setzte ihre eigens für Schulschwänzer vorgesehene Hilfstruppe Rebus in Bewegung. Dreimal klingelte ein Mitarbeiter vergeblich an Jessicas Wohnungstür und leitete schließlich ein Bußgeldverfahren gegen die Eltern ein: Sie hatten ihre gesetzliche Pflicht verletzt, Jessica einzuschulen. Dann geschah fast ein Jahr lang nichts.

In der Nacht zum 1.März starb Jessica, sie wog nur neuneinhalb Kilo, so wenig wie ein zweijähriges Kind. Im Magen fanden die Ärzte Teppichfasern und Haare, die das Mädchen in seiner Verzweiflung gegessen hatte.

Warum hatte niemand früher Verdacht geschöpft? Warum arbeitete jede Behörde stur wie nach einer Checkliste? Warum hat der Schulleiter nicht selbst die Familie aufgesucht, zumal sie nur einen Sprung von der Schule entfernt wohnte? Warum hat der Rebus-Mitarbeiter nicht zum Telefonhörer gegriffen und beim Einwohnermeldeamt nachgefragt, ob Jessica offiziell noch bei ihren Eltern wohne? Warum hat er nicht das Jugendamt benachrichtigt, denn schließlich gefährdet Schuleschwänzen das Kindeswohl? Unterblieb das Naheliegende nur, weil es in den Regelbüchern der Ämter nicht vorgesehen ist?