Zwei Dinge haben die Generation Golf und ihre geistigen Trabanten hervorgebracht: erstens eine bestimmte Art von Melancholie, die überhaupt nicht lähmend und düster ist, sondern im Gegenteil salopp, gepflegt, unterhaltsam. So was wie Schwiegersohn-Melancholie. Zweitens eine bestimmte Art Text, der zwischen Kulturkritik und Autobiografie pendelt. So was wie kulturelle Ich-Kritik. Der kulturelle Ich-Kritiker schaut sich beim Leben zu und sieht ununterbrochen, was an ihm alles typisch, das heißt: generationstypisch ist. Wenn der kulturelle Ich-Kritiker morgens aufwacht und versehentlich die Nachttischlampe umfegt, denkt er nicht: Oh, Mist, die Birne ist kaputt, jetzt liegen überall Glasscherben, bloß nicht im Dunkeln drauf treten. Er denkt: Typisch meine Generation, null Raumorientierung, so sind wir melancholischen 35-Jährigen nun mal.

Claudius Seidl ist 40 geworden. Tja, harte Sache. In dem Alter sollte ein Mann wissen, was ein richtiger Essay ist. Dass bei einem guten Essay die Leichtigkeit nicht Zweck, sondern Transportmittel für Thema und Substanz ist, dass ein brillanter Essay eine substanzielle Energie besitzt, die die Leichtigkeit bisweilen einfach überrennt. Nun ist der 40. Geburtstag von Claudius Seidl schon ein paar Jahre her. Seidl weiß schon lange, was ein richtiger Essay ist. Er besitzt auch die Erfahrung und Fähigkeit, einen solchen zu verfassen. Außerdem hat er in seinem neuen Buch Schöne junge Welt ein Thema, das gar nicht anders kann, als gut zu sein.

Das Thema, mit dem Claudius Seidl sich befasst, liegt momentan nicht nur in der Luft. Es hängt dort wie eine Tschernobyl-Wolke. Es geht darum, dass wir alterslos werden, dass sich unsere biografische Landschaft immer weiter einebnet, bis sie am Ende nichts anderes ist als eine einzige monotone, statische Fläche gefühlter Jugendlichkeit. Ohne Ansteigen zum Gipfel des Erwachsenwerdens, ohne mähliches Absteigen zur Rente hin. Wir bleiben alle irgendwie immer 35. Auf der Straße laufen 47-jährige leitende Angestellte herum, die Baseballmützen auf dem Kopf, selbst im Winter Sonnenbrillen tragen und sich auch so benehmen. Frauen, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr als jung zu bezeichnen sind, finden diese Tatsache in ihrem Lebens- und erst recht in ihrem Körpergefühl nicht wieder.

Das ist alles schön und gut und sehr richtig, wenn auch nicht im Geringsten neu. Aber das behauptet Seidl auch nicht. Ebenso wenig wie er behauptet, der Zeiger müsste in den Bereich der Schwergewichte ausschlagen, wenn man sein Buch auf die Waage der Sozialwissenschaften legte.

Seidls Denk- und Schreibform ist die solide feuilletonistische Diagonale, die querfeldein Kierkegaard mit Cary Grant, Daryl Hannah mit Helmut Kohl in Verbindung bringt. Dabei gibt es naturgemäß gedankliche Unschärfen, die überhaupt nicht stören würden, wenn es nicht eine Unschärfe an einer entscheidenden Stelle gäbe: Seidl hat eigentlich keine genaue Vorstellung von Erwachsenheit, zumindest keine, die über das Etabliertsein im wunschlosen Nichtraucher- und Bausparertum hinausginge. So lebt das Gros der Gesellschaft. Was ist daran erwachsen? Um wirklich brillant zu sein, fehlt dem Buch jenes Temperament, jener rücksichtslose Erkenntnisbiss, der nun aber auch so gar nicht die Sache des Münchner Lässigkeitsjournalismus ist, zu dem Claudius Seidl, seit er in Berlin als Kulturchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung arbeitet, wehmütig hinunterschielt.

Das Interessanteste an dem Buch ist seine Dramaturgie. Sie drückt das Thema besser aus als jede These. Man kann sehr schön beobachten, wie Seidls Text als ichkritische Kulturplauderei anfängt und Kapitel für Kapitel immer essayistischer, also reifer wird. Weil ein intelligenter Mann, der 45 ist, einfach merkt, dass aus der Sandkiste der ewig 35-Jährigen keine fundierten 191 Seiten herauskommen. Anders gesagt: Wir lesen das Buch eines Mannes, der offensichtlich viel schwarzen Kaffee trinkt und entschlossen ist, mit Anstand 50 zu werden. Das erfordert eine andere Haltung. So was wie Redaktionsschluss-Melancholie. Ursula März