Wann der Sündenfall im Jazz stattfand, ist umstritten. Dies hier könnte ein Jahrestag sein: der 29. August 1970, als Miles Davis beim Rockfestival auf der englischen Insel Isle of Wight vor geschätzten 600 000 Menschen die Holzbühne betrat. 38 Minuten dauerte der historische Moment, der zur endgültigen Vertreibung aus dem Paradies führte. Eingerahmt von Auftritten Joni Mitchells, Jimi Hendrix' oder The Whos, brodelte ein elektrisches Hexengebräu, das dem Rockpublikum nur die Wahl zwischen fassungslosem Staunen und stehenden Ovationen ließ. Als jemand Miles Davis am Ende des spiritual orgasm (Santana) nach dem Titel fragte, antwortete er gewohnt unterkühlt: Nenn's, wie du willst - call it anything. Und so heißt es seitdem.

Man darf diese DVD auch als ein Lehrstück über verschiedene Arten des Älterwerdens sehen. Regisseur Murray Lerner konfrontiert die Bilder der damaligen Bandmusiker mit ihrem aktuellen Image, sie übernehmen ein paar Akkorde ins Studio, wägen sie ab und erzählen, was die Musik erhellt, aber nicht entzaubert. Keiner mochte diese elektrischen Instrumente: weder Keith Jarrett seine Orgel noch Chick Corea sein Fender Rhodes Piano, noch Dave Holland seinen E-Bass. Doch sie wollten mit Miles Davis spielen. Also kochen sie zusammen mit dem Schlagzeuger Jack DeJohnette, dem bekifften Perkussionisten Arto Moreira und dem Saxofonisten Gary Bartz in einer unter Strom gesetzten Jam Session, die nur auf den Einsatz dieses akustischen Trompetentons zu warten scheint, scharf, manchmal elegisch, immer von blauer Farbe grundiert. Formvollendet formlos sind diese 38 Minuten, weil nur die Reaktion des Augenblicks zählt.

Viele Leute sagen mir, dass ich den Verstand eines Boxers habe, dass ich wie ein Boxer denke, schreibt Miles Davis in seiner Autobiografie, und er liefert den Schlüssel zum Hören. Antäuschen, wegducken, vorausdenken, vermuten, was kommt: Es ist die Essenz der Improvisation. Wenn man in den Hüften pendelt und mit den Beinen tänzelt ... dann hat der Schlag viel mehr Wucht. Der Film schneidet Bilder von Boxkämpfen der schwarzen Legende Jack Johnson mit Davis' Musik, und Carlos Santana, der als Master of Ceremony durch den Film führt, bringt es auf den Punkt, wenn er alle diese Noten als Japs und Finten hört, bis es dann zum entscheidenden Schlag kommt: Bei Miles liegt alles in der letzten Note - dem main punch.

Um 17 Uhr beginnt der Auftritt, in silbernietenübersäter Jeans und rotem Lederjäckchen huldigt Miles Davis dem neuen Stil, Hippieketten und Stirnbänder kränzen die Häupter, drunten und droben. Die Musik ist überwältigend, aber nicht intensiver als auf dem kommenden On The Corner oder dem vorangegangenen At Fillmore. Die Reibung mit dem falschen Publikum, mit der obszönen Zahl von 600 000 schafft das Ereignis. Der schwarze Großinquisitor Stanley Crouch wirft in diesem Film Miles Davis wie gewohnt vor, er habe sich ans Pop-Publikum und die Kommerzgiganten verkauft. Das ist angesichts dieser sperrigen Musik größter Unsinn. Dass dies kein Jazz sei, damit mag Stanley Crouch Recht haben. Es ist Miles Davis. Am Ende dreht er sich lächelnd kurz zum Publikum um und winkt leicht mit den Fingerspitzen.

Als sähe jemand diese Geste.

Miles Davis: Miles electric. A different Kind of Blue

Eagle Vision, 1 DVD, 123 Min., EREDV 263