Echt oder falsch? Wenn das bei der Beurteilung von Kunstwerken nur so einfach wäre. Erstaunlicherweise sind am Ende nicht immer objektive Meinung und Kennerschaft ausschlaggebend; mitunter entscheidet sich die Authentizität eines Bildes oder einer Skulptur auch in einem komplexen Geflecht unterschiedlicher Interessen. So zumindest ist es in einer bemerkenswerten, kürzlich bei der Oxford University Press herausgegebenen Textsammlung nachzulesen.

The Expert versus the Object, Judging Fakes and False Attributions in the Visual Arts (ISBN 0195147359) lässt Juristen, Galeristen, Kunsthistoriker, Grafologen und andere Fachleute zu Wort kommen. Und schon im Vorwort weist der Sammler und Händler Eugene Victor Thaw auf einen seltsamen Auswuchs hin. "Die Eremitage in St. Petersburg zeigt zwei Gemälde von Leonardo da Vinci, von denen nur eines nach Meinung von Fachleuten von seiner Hand stammt. Um der Besucherscharen willen wird die Originalität des zweiten Gemäldes, wahrscheinlich von Giovanni Antonio Boltraffio, auf Wunsch der Politik jedoch nicht thematisiert."

Das Problem der korrekten Zuschreibung beginnt zumeist mit dem Tod eines Künstlers. Dann haben die Erben und die Authentication Boards wie beispielsweise im Fall von Andy Warhol oder Jackson Pollock das Sagen. Dabei geht es in den meisten Fällen um viel Geld. "Ein Ja oder Nein", so schreibt Thaw, "entscheidet manchmal über Millionen."

Ein Extrembeispiel beschreibt der Christie’s-Experte Michael Findlay: Der Tochter von Henri Matisse, Marguérite Duthuit, war bereits zwei Jahre vor dem Tod des Vaters verboten worden, sein Atelier zu betreten. Sie behielt sich dennoch das Recht vor, die späten Bilder als echt oder falsch zu beurteilen.

"Auch wenn sie zumeist das Beste wollen, ist das Urteil von Angehörigen keineswegs unfehlbar", schreibt Findlay diskret. Sind in diesem Sinn die Witwen und Töchter und Söhne in Sachen Urheberrecht eine so hilfreiche wie gelegentlich zweifelhafte und auch herrische Instanz, üben die so genannten Authentication Boards ihrerseits gewaltige Macht aus. Das hat schon mit ihrer Besetzung zu tun. Selten sind sie mit unabhängigen Experten, sondern mit Exklusivhändlern besetzt, die von Nachlassverwaltern bestimmt wurden. Nun gelten Kunsthändler fraglos als die besten Kenner ihrer Künstler und deren Werke. Aber man darf ihnen durchaus auch unterstellen, dass sie den Markt gern nach ihren eigenen Profitvorstellungen dirigieren. Das heißt schlicht: Das Angebot muss knapp gehalten werden.

Im Fall des Warhol Boards gibt es nur drei Kategorien von Beurteilungen, wie der Düsseldorfer Auktionator Andreas Sturies erzählt: "Von Warhol – Nicht von Warhol – Entscheiden wir nicht." In die zweite Kategorie hatte das Board eine von wenigen großformatigen Bleistiftzeichnungen der berühmten Campbell’s Tomato Soup- Dose verwiesen, die Sturies im November 2003 mit seiner Meinung nach untadeliger Provenienz unter Vorbehalt für 235000 Euro zugeschlagen hatte. Nun ist er gerade auf dem Weg nach New York mit einem Echtheitsgutachten. Verfasst hat es der Herausgeber des ersten Warhol-Werkverzeichnisses im Jahr 1970, der emeritierte Professor Rainer Crone. Sturies hofft, dem Board doch noch ein Echtheitszertifikat für sein Blatt abringen zu können, damit der Verkauf endlich abgewickelt werden kann.

Eine ähnlich frustrierende Erfahrung mit dem Board hat der englische Filmproduzent Joe Simon gemacht, dem die Echtheit seines für 195000 Dollar erworbenen Warhol-Selbstporträts abgesprochen wurde. "Bis heute", zitiert die Süddeutsche Zeitung im Februar 2004 Joe Simon, "weigern sie sich, mir eine Begründung der Entscheidung mitzuteilen."

Oft werden in solchen Fällen andere gutachterliche Quellen bemüht, allerdings mit der Folge, dass die allgemeine Verunsicherung weiter zunimmt. "Je mehr Gutachten über eine Arbeit angefertigt werden, umso mehr Misstrauen ist angesagt", schreibt der Herausgeber des Bandes, der auf Kunstrecht spezialisierte Anwalt Ronald D. Spencer. Was der Insider längst weiß, aber was zulasten vieler unbedarfter Käufer und deren Investitionen gehen kann, sind fragwürdige Echtheitszertifikate von willigen "Experten". Andererseits halten ausgewiesene Kenner aus Angst vor Regress ihre Meinungen lieber zurück. Umso erfreulicher ist der nun erschienene Band, der viel Transparenz schafft und dem eine Übersetzung in viele Sprachen zu wünschen ist.