Der Ruhm hat keine weißen Flügel, sagt Balzac, aber wenn man wie ich die letzten 15 Jahre von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht mehr so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen." Gottfried Benns berühmter Brief aus Berlin war ursprünglich ein Brief an die Zeitschrift Merkur, deren Herausgeber Benn um Mitarbeit gebeten hatten. Der Brief sollte die Reserve des Angesprochenen zu Protokoll geben, doch dahinter steckte der Topos der affektierten Bescheidenheit, der die Autorität des Sprechenden nur verstärken kann. Tatsächlich bereitete Benn mit diesem Brief, auf dessen Veröffentlichung er fest vertraut hatte, die Rückkehr in die Öffentlichkeit vor.

Der gerade veröffentlichte Briefwechsel mit den Herausgebern des Merkurs, mit Hans Paeschke und Joachim Moras, zeigt, auch in seinem ausführlichen Kommentar, wie umsichtig Benn das Terrain vorbereitete. Und die Öffentlichkeit, soweit sie von einer Potenz wie ihm ansprechbar war, empfing ihn mit Begeisterung. Der Merkur reißt sich um seine Beiträge; schreibt der Dichter nicht selbst, so stehen andere Mitarbeiter Schlange, ihn zu rühmen. Der Rundfunk lädt ein, Akademien zieren sich mit ihm als Redner, das Auswärtige Amt finanziert eine Reise zum Lyrik-Kongress nach Knokke. Zwischendurch ist es auch mal karger, das arme Berlin lässt zum 70. Geburtstag einen Hortensientopf springen. Aber aufs Ganze ist Benn Held der Stunde im literarischen Betrieb. Und er weiß es zu genießen. In Wiesbaden lobt er das schöne Hotelzimmer (in Chippendale), und dann wieder eine Einladung der hessischen Regierung zu einem Vortrag vor Beamten in Bad Wildungen: "…unmöglich abzulehnen, da nach meiner Absage Fernamt kam: Staatsgespräch aus Wiesbaden, ich zusammenknickte und klein beigab." In diesen Jahren fragt Benn: "Soll man aus sich eine alte Gazelle machen, wenn man ein junger Schakal war?", nun, das Publikum hörte den jung-alten Schakal gern.

Der Briefwechsel mit dem Merkur ist merkwürdig temperiert. Man ist höflich von beiden Seiten, aber persönlich ohne Wärme und intellektuell auf mäßiger Betriebstemperatur. Es fallen auch interessante Bemerkungen ab, mal über das "Spießbürgerliche" bei Jünger oder über die "Restbestände des Bürgerlichen" in Harmonie, Melodik, Reim. Gelegentlich erfährt man etwas von der Enge der fünfziger Jahre, den Existenzproblemen einer Zeitschrift, hinter der weder die Alliierten noch die Kirchen standen. Aber es bleibt das Nebenbei in einer Geschäftsbeziehung.

Da ist substanzieller der zweite Briefband des Herbstes, der vom Verhältnis zwischen Benn, Thea Sternheim und Mopsa berichtet. Thea Sternheim, Tochter aus rheinischer Fabrikantenfamilie, hatte 1907 Carl Sternheim geheiratet und führte mit ihm ein großbürgerliches Haus, "Bellemaison" in Höllriegelskreuth bei München, seit 1913 Clairecolline in flämischen La Hulpe. Dort lernen sie im Januar 1917 Benn kennen, der als Arzt an einem Prostituiertenhospital in Brüssel arbeitet. "Neue Worte blühen auf: ein Frühling fällt über uns", notiert Thea Sternheim in ihrem Tagebuch.

Die Beziehung zwischen Benn und Thea Sternheim wird alle Krisen überstehen: Sternheims Syphilis, zu deren Behandlung der Hautarzt Benn anfänglich herangezogen wird, die Trennung der Eheleute, die Affaire Benns mit Mopsa Sternheim, der Tochter Carls und Theas, und auch den Nationalsozialismus, in den Benn zunächst einige Hoffnungen gesetzt hatte. Künstlerisch folgt aus der Bekanntschaft nicht viel. Zu einer Zusammenarbeit der beiden Dichter kommt es nicht, der Plan einer "Enzyklopädie zum Abbruch der bürgerlichen Ideologie" bleibt unausgeführt. Sternheim, der unter der fortgeschrittenen Syphilis geistig verfällt, verschwindet aus Benns Blick, es bleiben die Frauen.

Sie bewundern ihn, das Verhältnis ist einseitig. Den weitaus größten Teil der Ausgabe, die Thomas Ehrsam sehr umsichtig kommentiert hat, nehmen Briefe und mehr noch Tagebuchaufzeichnungen Thea Sternheims und ihrer Tochter Mopsa ein. Der Dichter aus Berlin äußert sich selten und eher kühl. Vom "rührenden Benn" als einer in der Familie stehenden Redensart wird zwar berichtet, und in der Tat muss Benn auch als Person etwas Bezwingendes gehabt haben. Aus seinen Briefen geht es kaum hervor. So lernen wir zunächst Thea Sternheim kennen, eine geistig bewegliche, couragierte Frau, die die Literatur liebt, auf eine allerdings mehr begeisterte als prüfende Weise. Selten, dass sie zu Benns Werk eindringende Bemerkungen macht. Seine Sprache empfindet sie wie "Gold und Rosen", immer wieder beklagt sie ihre Unfähigkeit, für das Ausmaß der Liebe und Bewunderung das richtige Wort zu finden. Und Benn lässt es bei der Adoration, gibt auch nichts Präziseres zu seinem Werk.

Doch eindrucksvoll ist Thea Sternheim in ihrem Leben. Sie neigt zur Schwärmerei – übrigens auch religiös, sie ist ein Beispiel für die Anziehungskraft, die der Katholizismus in den zwanziger Jahren ausübte, auf Karl Kraus oder Otto Klemperer etwa. Aber politisch sieht sie klar. Sie störte sich schon an Benns Selbstverständlichkeit, mit der er Deutschlands Position in Belgien 1917 vertrat, sie verurteilt seine ersten Sympathien für das "Dritte Reich" und stört sich auch daran, dass er nach dem Krieg Deutschlands Schicksal als "tragisch" begreift statt als Konsequenz der eigenen Politik. Schon im Frühjahr 1932 verlässt sie vor dem aufziehenden Nationalsozialismus Deutschland, um nach Paris zu gehen. Auffällig ist der empörte Ton, mit dem Benn ihr gegenüber das moralisch missbilligt und zu einer Frage des "Charakters" erklärt; die "Antwort an die literarischen Emigranten" ist hier schon im Privaten vorgebildet.

Die Affaire mit Mopsa ist kurz, doch für die junge Frau tief prägend. Es kommt zu einem Selbstmordversuch, doch Benn bleibt kühl. Später wird sie imaginieren: "Es ekelt ihn der Aufwand an Impuls, der es fertig bringt, sich das Leben zu nehmen." Für sie aber ist Benn "das einzige reale Erlebnis" ihres Lebens, Reichtum und Elend. Nichts danach zählte mehr wirklich. Sie legt sich in den Tagebuchnotizen Rechenschaft ab über Benns Schwächen (auch sexuell war das Verhältnis nicht ihre Erfüllung), doch ändert das nichts an der Fixierung auf ihn. Sehr viel später, in den fünfziger Jahren, nimmt sie sich sein Werk noch einmal kritisch vor und macht sehr scharfäugige Beobachtungen wie die, es sei kaum eines der Fremdwörter, deren Gebrauch er so liebe, richtig geschrieben. Und das ist mehr als ein lehrerhafter Einwand, er trifft Benn in seinem Schwanken zwischen der engen, berlinisch-preußisch-deutschen Welt, auch seiner Verachtung des Großbürgerlich-Geselligen und dann wieder der Bewunderung des Formvollen, Gewandten, Weltläufigen (und der Verachtung der Heimattümelei): "…ziemlich enge Wände … doch Zeus und alle Macht, das All, die großen Geister, alle Sonnen." Mopsa nannte ihn die "Sphinx aus der Hasenheide", und auch darin verbirgt sich seine menschliche und erotische Anziehungskraft: Größe zu haben, die nicht greifbar ist. Eben noch Chephren und dann schon wieder Schultheiß.