In dem rätselnden Blick der zwei Frauen erschließt sich manches an Benn neu, vor allem die Kälte. Ein Bruder war wegen eines Fememordes zum Tode verurteilt worden, dann begnadigt, aber nicht mehr auf die Beine gekommen. Benn schreibt an dessen Jugendliebe: "Jetzt steht er vor dem Ufa-Palast am Zoo. Gehnse doch hin und sehnse sich ihn an, wennse so viel für schöne Männer übrig haben – hat ne schöööne Livree!" Und in den fünfziger Jahre schreibt er ähnlich ungerührt über einen anderen Bruder in der DDR und dessen Schwierigkeiten: "Pfarrer in Templin, er muss sehen wie er weiterkommt, u den Seinen lässt der Herr ja alles zum Besten dienen. Gehörte ich dazu!"

Das macht schon Eindruck, und Unsentimentalität ist ja geradezu ein Markenzeichen der Bennschen Dichtung. Aber wenn sich die so viel weniger begabte, so viel weniger bedeutende Thea Sternheim immer wieder fragt, wie Benn anfänglich dem Nationalsozialismus Kredit geben konnte, er, der "rührende Benn", dann liegt hier vielleicht eine Erklärung. Auf den Wiederaufstieg der Nation hofften viele und Benn auch, naheliegend für einen Mann, der mit Stolz Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen war. Angesichts der demonstrativen Brutalitäten der neuen Machthaber hätte einfaches Mitgefühl klarer sehen lassen. Das aber hatte sich Benn, durchaus generationstypisch, verboten. Und da fällt auf, dass der Dichter der Nachkriegsjahre einen anderen Ton verstärkt. In dem ist vom Kellner mit dem kranken Fuß die Rede, von den Leuten in Holzpantinen und den Kindern, die nachts, die Finger in den Ohren, am Küchenherd lernten. – "Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, / woher das Sanfte und das Gute kommt, / weiß es auch heute nicht und muss nun gehen."