»L’Esquive« bedeutet »Ausweichen«. In diesem Film heißt das: Theater spielen

Foto: [M] Lola Film

Natürlich kann ein Schauspieler spielen, er sei ein anderer. Natürlich spielt jeder, der kein Schauspieler ist, auch so gut er nur kann und ist doch, wer er ist. Natürlich ist ein klassisches Schaupiel etwas anderes als die miserable Wirklichkeit. Und natürlich kann die wahre Liebe einen Menschen verwandeln. Das sind einige überbrachte Vorstellungen.

Aber wenn einer, der kein Schauspieler ist, in einem Film spielt, dass er ein realer Liebender ist, der in einem klassischen Schauspiel einen Liebenden spielt, der sich verstellen soll, dann geraten diese Vorstellungen von Schauspiel, Realität und Liebe kunstvoll ins Gleiten. So geschieht es in dem Film L’Esquive von Abdellatif Kechiche, der nun vor allen Favoriten in vier zentralen Kategorien den wichtigsten französischen Filmpreis, den César, gewann. Die Sensation, die dieser Film darstellt, wird jeden ergreifen, der sich seiner Idee, seinen Bildern, seiner Sprache aussetzen will.

Sie spielen, was sie sind, und sie wachsen über sich hinaus

Denn er stellt im Slum der Zugewanderten die Französische Republik samt der Freiheit des modernen Individuums buchstäblich aufs Spiel und lässt das klassische Theater eines Marivaux zur Generalprobe für die Auswegslosigkeit werden. Die Schauspieler, all die Krimos, Lydias, Rachids, Fathis, Nanous und Zinas, sind Laien. Erkennbar und paradox spielen sie, was sie sind, und wachsen, sich selbst darstellend, über sich hinaus.

In einer der Hochhauswüsten der Pariser Banlieue lungert eine Gruppe Jugendlicher herum, die meisten von ihnen Kinder nordafrikanischer Einwanderer, deren Slang kaum ein Pariser Gymnasiast ohne die Hilfe von Untertiteln verstehen wird. Die gängigen Superlative der Fäkalsprache, das Kreischen blinder Aggression bestimmen den Ton. Was soll da noch sein, außer dem üblichem Inventar des Lebens von Ausgeschlossenen, zusammengerümpelt aus Drogen, Schulschwänzerei, Gewalt, Kleinkriminalität und endloser Langeweile?

Der Regisseur Kechiche aber, selbst in Tunis geboren und als Kind nach Frankreich gekommen, ein angesehener Schauspieler ausserdem, hat die Perspektive radikal gewendet: Unter seiner Regie soll das sozialpädagogisch Übliche nicht wie gewohnt in den Blick kommen. In diesem Film, der eben kein Dokumentarfilm ist, sondern Kunst, wird geliebt und Theater gespielt, und darum kreist jede Szene, jeder Dialog von L’Esquive. Fast bis zum Ende.