Kino Das Spiel vom ZufallSeite 3/3
Und als stände mit dieser Schulinszenierung die Substanz der Republik auf dem Spiel, werden der Harlekin und die Pädagogin zu den tragikomischen Antipoden des Films. »Zeig mehr Lebensfreude, mehr Glück!«, fordert, Gesten und Ausdruck anbietend, die Lehrerin. »Sie ist schön, du bist verliebt! Geh aus dir heraus, ändere deine Sprache, deine Bewegungen!« Doch das wohlmeinende Programm der Aufklärung, das übersieht, wie dieses Migrantenkind aus sich selbst schon herausging, indem es die klassische Bühne überhaupt betrat, schlägt um in die Groteske der befohlenen Originalität: »Gib dich hin! Streng dich an!« Umsonst. Wann hat eine Kamera zuletzt ein so erschöpftes Gesicht festgehalten wie das der jungen Lehrerin, die nach Kräften ihre Enttäuschung zu disziplinieren versucht?
Hier wird kein Klassiker für die Gegenwart weichgespült
Doch diesem Film ist es nur nebenbei um Enttäuschung zu tun. L’Esquive geht, wie von Zauberhand geleitet, an jedem Klischee einfach vorbei. Hier wird kein pädagogisches Scheitern beklagt, kein Klassiker für die Gegenwart weichgespült, hier wird kein Wunder der interkulturellen Verständigung zelebriert und auch nicht die rettende Kraft der Kunst, hier wird keine soziale Tragödie beweint, hier bleibt auch die Liebe, was sie ist: ein unbegreiflicher Schlamassel. Hier wird eben geliebt und Theater gespielt. Bis der pure Zufall die Jugendlichen in die Fänge staatlicher Willkür geraten lässt, in eine alltägliche Trickserei, die zu polizeilicher Gewalt eskaliert. Der gegenwärtige französische Staat: Das ist also nicht nur diese Lehrerin, das ist auch diese Polizei. Schluss mit dem Theater. Abführen.
Zurück bleibt, auf einem Autodach, das zerlesene Exemplar der feudalen Komödie, die im Zufall ein Gesicht der Notwendigkeit sichtbar machte und in der individuellen Freiheit die maskierte Determinierung: Le jeu de l’amour et du hasard von Marivaux. Wirklich ein Schauspiel.
- Datum 10.12.2008 - 16:08 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
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