Wenn man sie traf, titulierte sie einen immerfort als "Schätzchen" oder "Kindchen", das klang warmherzig und war aufrichtig gemeint, doch es signalisierte auch ein Quentchen Überlegenheit, einen Anspruch auf besonderen Respekt vor der Künstlerin, den diese klein gewachsene, fragile und am Ende sehr alte Dame mit gutem Grund erhob. Sie genoss es, populär zu sein, wirklich populär, im Sinne des ZDF. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie als Schauspielerin Bedeutsames und Bewegendes geleistet hat: dass ihr koboldhaftes Oma-Färber-Gesicht in Rainer Werner Fassbinders Chinesischem Roulette einst eine kalte Maske der Altersherrschaft gewesen war und dass es sich, wenn die Rolle das verlangte, in ein bestürzendes Antlitz des vergehenden, vielleicht sogar vergeblichen Lebens verwandeln konnte.

Fassbinder hatte mit untrüglichem Gespür die Tragödin in der notorischen Komödiantin entdeckt. Sie empfand das als befreiend und beglückend. Es überrascht nicht, dass die Berliner so Eine adoptierten, eine Darstellerin ihrer selbst , die manchmal ganz anders aussah, weil sie die Spuren eines gefährdeten Lebens hinter Revolverschnauze und hennarotem Haar verbarg, und zwar deutlich erkennbar. Denn das mag man in Berlin, die imperfekte Täuschung.

Am 20. April 1910 in Hamburg geboren, wuchs die Tochter eines jüdischen Musikers in Düsseldorf auf. Sie studierte Ballett und Gesang, tingelte durch die Provinz und kam erst 1941 in ihrer Heimat Berlin an. Zunächst spielte sie im Rose-Theater und im Theater am Schiffbauer Damm. Ihren Vater hielt sie vor den Nazis versteckt, sie selbst galt als "Halbjüdin" und wurde von einflussreichen Freunden beschützt. Ein Leben mit falschen Papieren: Sie spielte Kabarett, überdreht und kieksig, immer mit dem Schlimmsten rechnend, eine Todeslustigkeit. Nach dem Krieg dann wieder Kabarett in Westberlin, und in Ostberlin Operette mit Walter Felsenstein. Sie spielte in den Fünfzigern Volksstücke und Musicals, entdeckte früh das Fernsehen für sich und machte Filme, die Titel trugen wie Und abends in die Scala oder Du bist wunderbar.

Brigitte Mira wurde bald die "Soubrette vom Dienst", doch den Theatermann Peter Zadek interessierte an dieser Karriere etwas anderes, als er die Schauspielerin 1972 für seine Fallada-Revue Kleiner Mann – was nun? engagierte: Sie verfügte über Biografie und Professionalität. Kurz darauf wollte dann auch Fassbinder mit ihr arbeiten, er gewann sie für Angst essen Seele auf, Berlin Alexanderplatz, Lili Marleen . Vermutlich hat Fassbinder etwas ganz Urtümliches in Brigitte Mira erkannt, etwas, das mit ihren Berliner Nazijahren zusammenhängt: das Bedrohte, Eingeschlichene, das störende Etwas, das in der bürgerlichen Ordnung immer illegitim bleiben wird.

Die Mira war Tingeltangel und kesse Lippe, ein Archetyp der Kunst. Fassbinder erfand mit ihr eine neue Idee von künstlerischer Popularität. Sie hatte viel mit dem Humor der Glücklosen in der Geschichte zu tun: Die Unsterblichkeit der Plebejer zeigt sich an ihrem Sarkasmus beim Weitermachen. Aber weil Brigitte Mira nie von ihrem Optimismus ließ, konnte sie das alles in versöhnlicher Form verkörpern. Das ermöglichte ihr einen triumphalen Aufstieg im deutschen Unterhaltungsbetrieb. Bis in die letzten Jahre stand sie auf der Bühne. Noch als Oma Färber in der TV-Serie Drei Damem vom Grill (200 Folgen!) klang sie für Augenblicke nach Krieg und Frontstadt. Am Ende war ihr Überlebenswille durch eine Krankheit aufgebraucht. Sie starb vergangenen Dienstag im Alter von 94 Jahren. "Das Glück ist nicht immer lustig", heißt es im Vorspann zu Angst essen Seele auf. Thomas E. Schmidt