hirnforschung Denker des Denkens
Der einflussreichste deutsche Hirnforscher sieht seine Disziplin in der Sackgasse. Nun will er die Wissenschaft vom Geist neu erfinden
Das Zustandekommen seiner ersten CD ist bezeichnend für ihn. Eigentlich wollten die Vertreter des supposé-Verlags mit Wolf Singer nur die Frage erörtern, ob man seine Theorien und Gedanken auch als Hörbuch veröffentlichen könne. Dann waren sie von dem geschliffen formulierenden Professor so begeistert, dass sie während des Vorgesprächs kurzerhand ein Band mitlaufen ließen. Aus dem Stand extemporierte der Neurobiologe mal eben zwei Stunden lang über die Evolution des Gehirns, den gegenwärtigen Stand seiner Forschung und das Problem des freien Willens – und schon war die Audio-CD (Titel: im Kasten.
Wolf Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, ist eine Ausnahmefigur. Nicht nur, dass er zu den angesehensten deutschen Wissenschaftlern gehört, in dem Herausgebergremium fast jeder zweiten Fachzeitschrift zur Hirnforschung sitzt und zum Beraterkreis des Vatikans gehört. Er versteht sich auch auf die – in Deutschland höchst seltene – Kunst, seine Forschung verständlich darzustellen. In zahllosen Interviews und Artikeln hat er sich zu nahezu allen Fragen geäußert, die die Hirnforschung aufwirft; zu Tierversuchen (die er unter bestimmten Bedingungen für unersetzbar hält), zum freien Willen (der ein illusionäres, soziales Konstrukt sei), zum Bau von Hochhäusern (in dem sich eine »archetypische Sehnsucht des Menschen« manifestiere) und zum strafrechtlichen Begriff der »Schuld« (den er für überholt ansieht).
Dass diese Grenzüberschreitungen, die den Zuständigkeitsbereich der Hirnforschung weit hinter sich lassen, für viele Geisteswissenschaftler eine schwer zu ertragende Provokation sind, verwundert nicht. Als »Monist« und Materialist wird Singer in den Feuilletons abgestempelt, als einer, der den menschlichen Geist auf seelenlose Nervenimpulse reduziere. Dabei schwingt in den Widersprüchen gegen Singers neurobiologische Thesen stets die heimliche Angst vor den Erfolgen der Hirnforschung mit, dank derer am Ende »sogar die geheimsten Gedanken entschlüsselt und zugänglich werden«, wie etwa die FAZ befürchtet.
Dabei weiß niemand besser als Singer selbst, wie weit seine Zunft davon entfernt ist, solche Ängste (oder Hoffnungen) zu erfüllen. Wenn er im Gespräch den Stand seiner Wissenschaft bilanziert, klingt es eher nach Desillusionierung: »Ich bin davon überzeugt, dass wir heute weniger wissen, wie das Gehirn funktioniert, als wir vor 20, 30 Jahren zu wissen glaubten«, formuliert Singer in der für ihn typischen, präzisen Gelehrtensprache. Je tiefer die Neurobiologen in das Gewirr der 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) und ihrer noch zahlreicheren Verbindungen (Synapsen) eindrangen, umso mehr schienen sich Phänomene wie »Geist« oder »Bewusstsein« zu verflüchtigen. Deshalb wagt der 62-Jährige noch einmal den Aufbruch. Gemeinsam mit dem Physiker Walter Greiner hat er das Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) gegründet, das diese Woche eröffnet wird. In dieser Denkerwerkstatt soll das stattfinden, was man einen »Paradigmenwechsel« nennt. »Nachdem sich die Wissenschaft bisher vornehmlich damit befasst hat, die Welt in ihre Komponenten zu zerlegen, müssen jetzt die vielfach sehr gut beschriebenen Bausteine in ihrem Zusammenwirken betrachtet und besser verstanden werden«, formulieren Singer und Greiner das Programm des FIAS.
Denn anders als es der erregte öffentliche Diskurs vermuten lässt, sind die Forscher weit davon entfernt, das »System Gehirn« wirklich zu verstehen. Im Gegenteil, »alles droht sehr viel komplizierter zu werden«, gibt Singer zu. Bewusstsein und »Ich« manifestierten sich als »emergente Eigenschaften einer sehr komplexen Systemdynamik«. Doch wie diese Dynamik genau funktioniert, gibt Singer zu, »das haben wir nicht verstanden«.
Für »Grenzgänger« ist das neue Institut konzipiert, als Ort, an dem Neurotheoretiker, Biologen, Physiker und Statistiker nach gemeinsamen Organisationsprinzipien in Gehirn, Genom und Vielteilchensystemen suchen. »Meine Hoffnung ist, dass zum Beispiel ein theoretischer Physiker zum Hirnforscher sagt: Hör mal, dein Problem haben wir in anderem Zusammenhang schon längst untersucht.« Als philosopher in residence kommt Thomas Metzinger an Bord, und für die angeschlossene Graduate-School hat man bereits die ersten Stipendiaten ausgewählt (»wenige Deutsche, aber einige hoch begabte junge Russen und Rumänen«).
Hoffnung macht Singer dabei die Erkenntnis, dass das Gehirn – anders etwa als das hochkomplexe Klimageschehen – ein »zielorientiertes System« sei. Schließlich habe ein evolutionärer Prozess das Organ geformt. Deshalb, glaubt Singer, »ist das Gehirn so konfiguriert, dass nichtchaotische Prozesse dominieren. Weil die neuronale Dynamik auf einen Zweck hin organisiert ist, muss sie ein gewisses Maß an Verlässlichkeit haben.«
Die Entschlüsselung dieser Dynamik liegt allerdings noch in weiter Ferne. »In meinen Gesprächen mit Systemforschern pflege ich zu hören, dass diese Spezialisten schon froh wären, wenn sie die Turbulenzen berechnen könnten, die Windräder an der Nordseeküste gefährden.« Seit man begonnen habe, sich mit der hochgradigen Vernetzung von Hirnprozessen zu befassen, sagt Singer, »breitet sich Bescheidenheit aus«.
Die Vorstellung, Gedanken lesen zu können, hält er daher für abwegig. Nur grobe Bewusstseinsinhalte seien der Hirnforschung zugänglich. Doch gerade die neue Bescheidenheit führt den Hirnforscher zu Schlussfolgerungen, die viele als Bedrohung empfinden.
Zunächst wäre da die Erkenntnis, dass das Gehirn ohne Entscheidungsinstanz auskommt – eine Art Seele wird nicht mehr gebraucht. »Dem entscheidenden Ich fehlt der Sessel, auf dem es sitzt«, formuliert Singer nüchtern. Sodann folgt die Extrapolation in die Politik. »Auch dort hängen wir immer noch dem Gedanken an, eine Meta-Intelligenz an der Spitze könnte dafür sorgen, dass ein System sich in die richtige Richtung entwickelt.« Doch je komplexer eine Gesellschaft werde, umso weniger könne sie zentralistisch regiert werden. »Es kann ja der Lenker nicht viel schlauer sein als die Gelenkten. Er verfügt über das gleiche Gehirn, dessen informationsverarbeitende Kapazität beschränkt ist.«
Deshalb plädiert der Neurobiologe für eine fehlerfreundliche »Irrtumskultur«. Politiker sollten ruhig zugeben, dass auch sie die Dynamik des Systems oft nicht durchschauen (was sich am Beispiel der Wirtschaftspolitik und der Arbeitslosenzahlen täglich studieren lässt), und stattdessen nach der Methode von »Versuch und Irrtum« vorgehen. Ein Essay dazu hat Singer provozierend Warum würfeln wir nicht? überschrieben; darin zeigt sich der angebliche Reduktionist eher als Neuro-Anarchist.
Schließlich führt ihn die Einsicht in die Bedingtheit der Wahrnehmung auch zur Erkenntnis der Beschränktheit unseres angeblich freien Willen: »Wir tun sehr vieles aus Motiven, die uns nicht bewusst werden. Deshalb erfinden wir nachträglich Motive für etwas, was wir getan haben.« Darum müsse man beim Straftäter auch den Begriff der Schuld hinterfragen. »Vielleicht liegt ja bei ihm nur eine Fehlverdrahtung des Hirns vor.«
Was sich allerdings bei Wolf Singer mit der Hoffnung auf ein »humaneres Menschenbild« verknüpft, erzeugt beim Publikum Angst vor der totalen neurobiologischen Kontrolle oder irritierte Abwehr. Als er vergangenes Jahr zum 50. Geburtstag von Angela Merkel den versammelten Politikern seine Thesen zur »Irrtumskultur« vortrug, zeigten die sich wenig einsichtig. Er habe aus Singers Vortrag gelernt, »dass Fünfjahrespläne unpraktikabel sind«, spottete Guido Westerwelle. »Mit Verlaub: Das wusste ich schon.«
Dass er sich mit seinen grenzüberschreitenden Thesen angreifbar macht, ist Singer bewusst. Doch der weltläufige Bayer ist souverän genug, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Vor Auseinandersetzungen ist er noch nie zurückgeschreckt. Den Streit um die Notwendigkeit von Tierversuchen hat er ebenso wenig gescheut wie eine öffentliche Stellungnahme gegen den Irak-Krieg. Dabei ist er alles in allem ein eher verträglicher Mensch. Auch in den erbittertsten Debatten tritt er stets moderat und ruhig auf. Er setze eben, so bekennt er, auf die Macht verständlich vorgetragener Argumente.
Dass er damit allerdings seiner eigenen These von der Beschränktheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und der selbst organisierenden Macht kultureller Systeme in gewissem Maße widerspricht, macht ihn umso menschlicher.
- Datum 10.03.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






