Auf den ersten Blick könnte man es für einen Anfall von Demut halten: Joschka Fischer hat über Rücktritt nachgedacht. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau, dem ersten seit Beginn der Visa-Affäre, hat er in den Abgrund geblickt. Kurz. Denn in der schwierigen "Abwägungsfrage" ist er dann doch zu einem positiven Ergebnis gekommen. Manche mussten für weniger gehen, gesteht der Minister zu. Aber es seien auch andere trotz größerer Versäumnisse im Amt geblieben. Am Ende "bleibt nur, mit sich selbst zu Rate zu gehen", meint Joschka Fischer. Den Gedanken an Rücktritt hat er aufgenommen, um ihn zu verwerfen. Sein Anflug von Bescheidenheit mündet in einer Demonstration: "Ich mache weiter."

Natürlich weiß Fischer, dass nicht er am Ende die Abwägungsfrage beantwortet. Solange er selbst die Antwort geben kann, ist die Sache noch nicht ernst. Und ist sie es einmal, entscheiden andere: die Medien, die politischen Freunde, am wenigsten noch die Gegner, die immer viel zu früh nach Rücktritt rufen. Das ist Ritual und sagt wenig darüber, wie es im Kampf ums politische Überleben wirklich steht. Aussagekräftig ist eher das Gegenteil: wenn selbst der politische Gegner an die Kraft seiner Rücktrittsforderungen nicht wirklich glaubt.

So ist es derzeit in der Union. Fast scheint es, als ließe man sich von Fischers Nimbus einschüchtern. Jedenfalls vertrauen seine Widersacher nicht darauf, die Affäre so weit treiben zu können, dass der Minister irgendwann aufgeben muss. In der Union hält man Joschka Fischer für einen hartnäckigen Gegner. Und hegt unausgesprochene Zweifel, dass der Visa-Skandal genügend Substanz birgt, ihn ernstlich zu gefährden. Noch wirken die Vorwürfe zu schwach, um die Tagträume der Opposition wahr werden zu lassen.

Überhaupt, wann stürzt schon mal einer aus Fischers Liga, eine Zentralfigur auf dem politischen Spielfeld? Ist es nicht so, wie die Politikverdrossenen meinen, dass für die Großen andere Maßstäbe gelten? Sicher. Sie stürzen nicht über Kleinkram. Weil sie als unersetzlich gelten, können sie sich mehr erlauben, gravierendere Fehler, durchsichtigere Ausreden. Sie werden gebraucht und gestützt. Länger als andere. Doch das heißt nicht, dass sie unstürzbar wären. In bestimmten Lagen hilft nichts mehr. Nicht einmal Unersetzlichkeit.

"Ich habe mit der Sache nichts zu tun", log Strauß

So war es auch schon in der Ur-Affäre der Bundesrepublik 1962, als Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stürzte. An dessen Gerissenheit gab es ebenso wenig Zweifel wie an seiner herausragenden Rolle. Und doch gab es am Ende, als seine Vergehen in der Spiegel-Affäre offen lagen, keinen Zweifel, dass er sein Amt räumen musste: Auf allen drei Fluren, auf denen ein Politiker Schaden anrichten kann – das Land, das Amt und die eigene Integrität –, hatte Strauß verheerend agiert. Aus Rache und als Einschüchterungsmaßnahme hatte er die Pressefreiheit missachtet, sein Amt für die Verhaftung eines Journalisten missbraucht und im Zuge seiner Verteidigung auch noch die eigene Intergrität zugrunde gerichtet: "Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun!" – log der Delinquent seinerzeit, zuerst im Interview, später vor dem Bundestag. Strauß’ Rücktritt war fällig, weil der von ihm angerichtete Schaden alle rettenden Erwägungen obsolet machte.

So klar und eindeutig geht es selten zu. Meist lässt das skandalöse oder auch nur skandalisierte Verhalten eines Amtsträgers genügend Raum für Interpretationen aller Art: böswillige Übertreibungen wie verschleiernde Entlastung. Damit jedoch ist das eigentliche Feld der Affäre gerade erst eröffnet. In aller Regel vollzieht sie sich als Kampf um Definition und Sanktion politischen Fehlverhaltens, in dem beide Seiten ihr Interesse hinter der Fassade von Objektivität und Wahrheitsfindung verbergen. Keine Frage, ein Machtkampf.